Momente der Wahrheit
Wie "Ally McBeal" Leben ins freudlose Fernsehen bringt. Ein Erklärungsversuch
Ally McBeal? Findest du die etwa schön?" Mit der Frage muss man rechnen, wenn man als Mann über das TV-Geschöpf redet. Solche Debatten führen zu nichts. Begnügen wir uns mit der Bemerkung, dass sich der so genannte "Kult" (das ist postmodern für "Begeisterung") um die Serie allzu sehr auf deren Titelfigur konzentriert.
Nüchtern betrachtet geht es um junge Anwälte, die versuchen, Karriere und Sinngebung für ihr Leben unter eine Robe zu bringen. Doch was sagt das schon aus über die wahnwitzigen Dialoge, die Riege skurriler Charaktere und die Cartoon-Effekte, mit denen sich das Fernsehwerk ironisch verstärkt und von sich selbst distanziert? Wo sonst fände man eine Frau, die auf die Frage "Alles in Ordnung?" empört faucht: "Bei mir ist nie alles in Ordnung!" Wo sonst wird eine ehrenwerte Kanzlei von einem geldgeilen Lüstling und einem neurotischen Anwaltsgenie geführt? Wo sonst werden die Personen immer wieder zu Comic-Figuren wegdigitalisiert?
Gründe genug, dienstagabends nach zehn Uhr zu Hause zu sein. Oder brauchen Sie noch eine Überhöhung, um sich die Anziehung zu rationalisieren? Bitte sehr. Es geht um Menschen auf der Suche nach einem halbwegs lebbaren Lebenskonzept - ein jeder wild entschlossen, seine verschiedenen Persönlichkeiten ehrlich zur Geltung kommen zu lassen. Gleichzeitig betrachten sie alle ihre multiplen Lebensstile skeptisch aus der Ferne. So ganz menschlich ist das nicht, was wir hier tun - das wissen sie. Denn von der Gefühlsintensität, die rigidere und romantischere Zeiten ausmachte, wollen sie sich trotz aller Vielfalt der Optionen nicht trennen. Im Gegenteil: GroßesLeidengroßeFreude sind wichtig - selbst wenn sich diese Wallungen mangels echter Gelegenheit einen nichtigen Grund suchen müssen.
Eine Serie also, die spielerisch umgeht mit den Phänomenen unserer Yuppie-Tage: Verlorenheit und Wahlfreiheit, Sehnsucht nach absoluter Innigkeit und fulminanter Ehrlichkeit, die Sehnsucht nach ein paar Grundlinien im Leben und das Wissen darum, dass diese mit einem Stück Lüge zu bezahlen sind.
Genug davon.
Das eigentliche Geheimnis von Ally McBeal sind - nun ja - die Momente der Wahrheit. Vieles ist komisch und manches traurig in Allys Boston, wo nicht mehr ganz unschuldige Menschen Anfang 30 um ihr Glück kämpfen. Aber immer wieder verdichtet sich die schnelle Folge schöner, hässlicher, absurder Erlebnisse zu einem Moment, der haften bleibt.
Da haben sich Ally und ihr verheirateter Exfreund Billy geküsst und wären um ein Haar miteinander ins Bett gestiegen. Wie kommen sie aus der Situation heil wieder raus? Heil? Leiden und leiden lassen lautet die Devise, es dem anderen nur nicht zu leicht machen - und sich selbst am allerschwersten. Hin und her, wenig Taten, viele Worte. Gemeinsam gehen sie zu Allys verrückter Psychoanalytikerin. Auf der Couch beloben und beschimpfen sie sich. Und dann, auf einmal, wird es ernst. Wieso hat Billy seine Jugendliebe Ally damals verlassen? Er sagt, er wisse es nicht. Doch, weiß er. Schließlich gibt er es preis: weil Liebe an sie verschwendet sei, sagt er. Sie lebe in ihrer eigenen Welt der schönen Fantasien und hässlichen Depressionen und zöge den Geliebten mit. Glaubt er das wirklich, ist die bange Nachfrage, die Ally gern stellt. Überflüssige Frage. Ende der Affäre.
- Datum 11.05.2000 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 2000
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