Eine Gesamtschule in einem alten Arbeiterviertel, das gerade den Rückzug der örtlichen Großindustrie zu verkraften hat. Der Klassenlehrerin einer fünften Klasse fällt auf, dass einer ihrer Schützlinge häufig verprügelt wird. Und dass das Kind ein typisches "Opferverhalten" an den Tag legt: Also einerseits Stärkere provoziert, sich aber andererseits kaum zu wehren weiß. Ein Anruf bei der Mutter soll klären, ob man dem Jungen helfen kann. Ob er zu Hause Schwierigkeiten hat, die sein Verhalten in der Schule beeinflussen. Die hat er allerdings. Seine beiden älteren Brüder, sagt die Mutter, steckten ihm gelegentlich den Kopf ins Klo: "Aber da halt ich mich raus."

Da halt ich mich raus: Selten geht die Unempfindlichkeit von Eltern so weit wie in diesem Fall. Aber aus der Perspektive der Schule markiert der Satz einen Trend: Eltern ziehen sich aus ihrer Erziehungsverantwortung zurück. Natürlich nicht alle Eltern, natürlich nicht an jeder Schule, nicht in jedem Milieu. Doch offenbar interpretieren etliche Mütter und Väter das allgemeine Gerede von der Dienstleistungsgesellschaft dahingehend, dass es Sache der Lehrer sei, die Kinder zu erziehen: Schließlich würden sie dafür bezahlt.

Repräsentativität ist bei Streifzügen durch die Schulen kaum herzustellen: Zu groß sind die Unterschiede zwischen Schularten und Bundesländern, Stadt und Land, Wohngebieten unterschiedlicher Qualität. Doch bestimmte Phänomene (unsere Beispiele stammen sämtlich aus Schleswig-Holstein) tauchen mit einer Regelmäßigkeit in den Berichten der Lehrer auf, die aussagekräftig sein dürfte.

"Das große, unauffällige Mittelfeld wird zugunsten der Extreme kleiner", sagt der Rektor einer Grund- und Hauptschule in einem kleinbürgerlichen Stadtteil: "Ein Teil unserer Kinder ist vollkommen überbehütet, ein anderer Teil ist verwahrlost." Die Verhätschelten werden zur Schule gefahren und aufmerksam auf je- des Anzeichen von Krankheit untersucht. Die Verwahrlosten kommen ohne Frühstück, ohne warme Kleidung, ohne Arbeitsmaterialien in die Schule. Beiden Gruppen werden zu Hause - vermeintliche Liberalität hier, Unfähigkeit dort - kaum Grenzen gesetzt. Solche Kinder, sagt der Rektor, zeigten häufig eine geringe Frustrationstoleranz, seien empört, wütend und enttäuscht bei allem, was ihnen in der Schule misslinge. Eine Gesamtschullehrerin drückt es drastischer aus: "Diese Kinder sind eine Belastung, aber nicht belastbar." Sie prügelten und beschimpften Mitschüler, brächen aber selbst beim geringsten Anlass in Tränen aus. "Und sie können nicht zuhören, weil zu Hause niemand ist, der ihnen zuhört", sagt eine von drei Sozialpädagoginnen, die an derselben Gesamtschule für problematische Einzelfälle zuständig ist: "Manchen von ihnen fehlt jede Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen."

Die Einzelbetreuung von Kindern, die den Unterricht massiv stören, gehört bei immer mehr Grund-, Haupt- und Gesamtschulen zum Standard: Die Kinder empfinden Extrastunden in den "pädagogischen Inseln" durchaus nicht als Strafe: Sie sind vielmehr glücklich, dass sich endlich jemand um sie kümmert. Doch der Einsatz von Sozialpädagogen und Betreuungslehrern ist eine Kostenfrage.

Auch an Gymnasien gibt es Formen von Verwahrlosung

Für den normalen Unterricht bedeutet die Verdreifachung der Problemkinder, dass beispielsweise die Deutschstunde in einer fünften Hauptschulklasse zur Dressurnummer wird: Etliche Kinder sind nicht in der Lage, den 45-Minuten-Takt auch nur annähernd durchzuhalten: Sie stehen auf, gehen umher, summen vor sich hin, piesacken ihre Tischnachbarn. Vier Jungen haben Schwierigkeiten, ihre Gesichtszüge unter Kontrolle zu halten: Sie grimassieren, lassen ihre Zungen heraushängen. Zwei Kinder sind übernächtigt. Nahezu alle haben Probleme mit dem Vorlesen. Die eigentliche Aufgabe, nämlich Teile der Geschichte von der Arche Noah in die richtige Reihenfolge zu bringen, bewältigen die wenigsten. "Es gibt ein Intelligenzproblem und ein Verhaltensproblem", sagt die Klassenlehrerin. "Einige Kinder hier gehörten eigentlich auf die Sonderschule. Andere wachsen zu Hause quasi wild auf, ohne alle Umgangsformen." Seit in den Medien viel von Hyperaktivität die Rede sei, könne man beobachten, wie sich Problemeltern dieses Erklärungsmuster für die Schwierigkeiten ihrer Kinder zu eigen machten: Statt etwas an ih- rem eigenen Erziehungseinsatz zu ändern, zögen sie sich darauf zurück, ihr Kind sei krank. Es brauche Medikamente, nicht sorgsamere Behandlung.