Kann der Mensch eine Wesensnähe zu einem nordischen Großwild verspüren?

Womöglich Seelenverwandtschaft? Äußerst unwahrscheinlich, man sehe die Unterschiede, schon diese Mundpartie! Die Mundpartie eines Elches ist ein Exzess an Beule, wie es glücklicherweise der Kinnlinie nur weniger Menschen nachgesagt werden kann. Eng stehende Augen, wie sie niemand freiwillig einräumen würde, dazu ein Becken, plump wie Senkblei! Was fehlt? Bei Olaf, dem Elch, von dem hier die Rede sein muss, die Geweihschaufel rechts. Das verleiht seiner Silhouette einen Hauch von Wir-habenden-Krieg-Verloren, was normalerweise ein wirksamer Anreiz ist, die Augen dezent abzuwenden. Tatsache ist, Olaf möchte man immer anschauen. Wie er ermattet über der Sessellehne abhängt. Oder verzweifelt vor Langeweile seine Knie umfasst. Mit demütig durchgestreckten Ellenbogen seine selbst gezimmerten Flügel ausbreitet, um auch mal im Leben ein wenig Auftrieb zu spüren, ja, ist das denn zu viel verlangt!

Olaf, der Elch, will fliegen. Höhöhö, sonst noch was, so reagieren seine Freunde, was er so Freunde nennt, ein blindes Huhn, zwei besoffene Bären, Tante Elch natürlich, die ganze Bagage, zu dumm, um sich voller Anerkennung vor dem Maler, Jazzgitarristen, Erzähler Volker Kriegel zu verbeugen, der es hier mit nicht weniger als einem uralten Menschheitstraum aufnimmt. Ikarus!

Lilienthal! Lindbergh, die deutsche Fliegerstaffel und der gemeine Bungee-Idiot, die Tradition ist ungebrochen, hier kriegt sie neuen Dampf unter die Lappen. Denn aus dem tiefen Loch der Langweile des Lebens, von Kennern auch Ennui genannt, verspricht nichts so sehr Erlösung wie der Traum vom Glück in großer Höhe.

Volker Kriegel, der wie ein Geschenk zu Weihnachten 1943 auf diese Welt kam, hat uns seinerseits im vergangenen Jahr seinen Helden Olaf unter den Weihnachtsbaum gelegt, in einem ersten Band, kurzerhand betitelt mit Olaf, der Elch. Das Buch war eine Droge. Die Geschichte war auch so was von ausgeklinkt. Olaf, das Elchwaisenkind, mit einem riesigen Geweihteil geschlagen, ein kleiner loner, der durchs Leben streift, den Kopf vorsichtig schräg, das Geweih (fast immer, aua!) in Laufrichtung - bis er auf den Weihnachtsmann stößt. War es Liebe? Es führte jedenfalls zu einer Zweierbeziehung, eine fruchtbare Arbeits- und Lebensgemeinschaft, und sie lebten glücklich und zufrieden ... bis Band zwo erschien. Weihnachten ist vorbei. The party is over. Auch ein Elch schreit, auf seine stille, bescheidene Weise, irgendwann nach neuen Reizen ...

Volker Kriegel hat diese Geschichte spitz gezeichnet, zart koloriert, dramatisch inszeniert - dabei Bild und Text gekonnt gegeneinander gesetzt sowie gemeine Spannungsbögen eingeplant, bei denen das langsame Weiterblättern eine gewisse Rolle spielt. Alles aber dreht sich letztlich um die Frage: Wie hebt man ab? Als Antriebsmoment testet Olaf einen Orientteppich, einen selbst gebastelten Doppeldecker und die Gebrauchsanweisung "Wehwehweh, dot, simsalabim, dot, abheb, dot, flieg" (natürlich ein Reinfall). Am tragfähigsten erweist sich interessanterweise ein wildes Angstgefühl.

Kein Wort mehr.