Perry Rhodan rettet die Esa
Eine Weltraumagentur setzt auf literarische Nachhilfe
Seit dem Scheitern gleich zweier Marsmissionen im vergangenen Jahr sind die Raumfahrer verunsichert. Die amerikanische Nasa überprüft sämtliche geplanten Weltraummissionen - statt "billiger, schneller, besser" heißt nun offenbar die Devise "Doppelt genäht hält besser". Auch die europäische Weltraumorganisation Esa sucht neuen Schwung für planetare Höhenflüge. Innovative Ideen sind gefragt, zugleich soll gespart werden - ein fast aussichtsloses Dilemma.
Doch wo Gefahr ist, da wächst das Rettende auch. So haben sich die Esa-Ingenieure auf ihr kulturelles Erbe besonnen und die Literatur entdeckt. Liegt da nicht ein ganzer Kosmos von Ideen brach, der nur darauf wartet, erforscht zu werden? Schon startet das Projekt Innovative Technologien aus der Science-Fiction für Anwendungen im Weltraum. Systematisch soll die Maison d'ailleurs, ein Utopie-Museum im Schweizerischen Yverdon, die einschlägige Literatur auf Anregungen für die Esa abklopfen. Geistesblitze aus 40 000 Science-Fiction-Werken harren der Entdeckung - eine Fundgrube. Und all das zum Spottpreis: Die Literaturrecherche kostet nur wenige zehntausend Mark, dafür gibt es sonst in der Branche kaum mehr als einen warmen Händedruck.
Doch ach, die visionäre Schubkraft der Esa ist begrenzt. Museumskonservator Patrick Gyger, der das Esa-Projekt leitet, will sich auf "realitätsnahe" Werke konzentrieren. Darunter versteht er etwa die Mars-Trilogie von Kim Stanley Robinson, in der Raumfahrer den lebensfeindlichen Roten Planeten menschenfreundlich gestalten. Oder einen Roman von Stephen Baxter, in dem ein Raumschiff die Schwerkraft der Venus als Antriebshilfe nutzt - ähnlich originelle Ideen sind heute in jedem besseren Raumfahrtprogramm nachzulesen.
Liebe Esa, so wird das nichts. Wenn ihr euch schon auf den Flügeln des Geistes emporschwingen wollt, dann bitte nicht mit eingeschalteter Bremsrakete. Da gibt's nur eins: Perry Rhodan, übernehmen Sie!
- Datum 18.05.2000 - 14:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 2000
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