Leben wie im Club MediterranéSeite 2/2

RIBBECK: Anders, als man annimmt, ist das soziale Leben in den Ghettos oft sehr lebendig. Die Leute leben dort wie in einem Club Mediterrané. Es gibt pausenlos Kulturprogramme, Schulfeste, sogar Lokalzeitungen. Gelegentlich versucht man auch, aus den eigenen Mauern auszubrechen, und knüpft Kontakte mit Bewohnern anderer Ghettos.

ZEIT: Und der Rest der Gesellschaft wird ignoriert?

RIBBECK: Ja, die Gemeinden verstehen sich als private Inseln. Aber ihre Mitglieder spüren, dass sie sich nicht völlig von der Gesellschaft absondern können - nicht zuletzt weil die Viertel der Reichen einen enormen Bedarf an Dienstleistungen haben. Sie brauchen Hausangestellte, Autowäscher, Schuhputzer, Boten, Sicherheitsleute.

ZEIT: Den Staat brauchen sie aber offenbar nicht mehr ...

RIBBECK: Nein, sie wollen nicht, dass der Staat in ihre Enklaven hineinregiert. Das hängt auch damit zusammen, dass viele Stadtverwaltungen nicht in der Lage sind, die Infrastruktur und die öffentlichen Dienstleistungen auf einem gewissen Niveau zu halten. Die Bewohner der Enklaven wollen folglich mit der problembeladenen Stadt nicht mehr in Berührung kommen. Diese Haltung ist natürlich eine Gefahr: Die reichen Zonen versuchen, ihre Privilegien abzuschotten, indem sie zum Beispiel kaum noch Steuern und Abgaben zahlen.

Die Fragen stellte Bartholomäus Grill

 
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