Testen statt glauben

Mit dem internationalen Schulvergleich Pisa werden das Wissen und Können deutscher Schüler umfassend geprüft. Deutschlands Bildungspolitik nimmt Abschied vom ideologischen Grabenkrieg

An der Gesamtschule im Lübecker Stadtteil Buntekuh konnte man vergangene Woche eine stille Revolution beobachten. Zwei Vormittage lang brüteten 29 zufällig ausgewählte Schüler der neunten Klassen über einem Test - zu Bedingungen, die man vom Abitur kennt. Abgucken war zwecklos, jeder Schüler saß an einem Einzeltisch und musste zudem andere Aufgaben lösen als sein Nebenmann. Die zwei Aufseherinnen verzogen keine Miene. Ihre Anweisungen lasen sie vom Blatt ab.

Die Schüler strengten sich an. Doch das Zeugnis für ihre Leistung wird nicht ihnen ausgestellt, sondern dem hiesigen Bildungssystem. So wie in Lübeck stellen sich Deutschlands Schulen dieser Tage dem internationalen Leistungstest Pisa. Das "Programme for International Student Assessment" vergleicht Wissen und Können von Schülern aus 32 Ländern. Bis Mitte Juni zeigen allein in der Bundesrepublik 57 000 Fünfzehnjährige, wie gut sie lesen und rechnen, ob sie Biologie und Physik beherrschen. Auch Alltagswissen wird getestet. Beispielsweise müssen die Prüflinge nachweisen, dass sie Abrechnungen und Fahrpläne verstehen können. Jedes Bundesland ist mit rund 100 Schulen beteiligt.

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Das sind neue Töne, warfen sich linke und konservative Bildungspolitiker doch jahrelang gegenseitig vor, mit der "Paukschule" oder mit "Kuscheleckenpädagogik" den Kindern die Zukunft zu verbauen. Vergessen ist der Streit noch nicht, doch in einem Punkt ist man sich einig: Deutsche Schulen müssen besser werden.

Ausgelöst wurde der Sinneswandel Ende der neunziger Jahre: durch den so genannten Timss-Schock. Bei der internationalen Schulleistungsstudie Timss (Third International Mathematics and Science Study) erreichten die deutschen Schüler mit ihren Kenntnissen in Mathematik und Naturwissenschaften nur einen enttäuschenden Mittelplatz. Der Mythos von der Exzellenz des deutschen Schulwesens war dahin.

"Timss hat uns kalt erwischt", stellt der Bielefelder Erziehungswissenschaftler Klaus-Jürgen Tillmann fest. Zu lange habe man um Fachkenntnisse der Schüler "einen großen Bogen" gemacht. Das sei ein Fehler gewesen, räumt der Anhänger der Reformpädagogik selbstkritisch ein. "Wer den Begriff Leistung in den Mund nahm", ergänzt sein Essener Kollege Klaus Klemm, "galt als extrem konservativ."

Besonders SPD-Länder lassen ihre Schüler testen

Jetzt wird wieder offen über Leistung geredet. Vor allem SPD-regierte Länder sind fleißig dabei, die Kenntnisse ihrer Schüler unter die Lupe zu nehmen. In Hamburg ließ die Schulbehörde in einem aufwändigen Verfahren die Lernerfolge in allen fünften und siebten Klassen der Stadt testen, um den Ursachen für gute und schlechte Leistungen auf den Grund zu gehen. Nordrhein-Westfalens Bildungsministerin Gabriele Behler ordnete im vorvergangenen Jahr an, die bereits benoteten Abiturarbeiten noch einmal von anderen Lehrern bewerten zu lassen. In Brandenburg schickten die Behörden die Schüler zum Mathematiktest. Schon warnt die Lehrergewerkschaft GEW vor einer "Testeritis".

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