die zeit: Sie sind seit 1998 Professor für Ethik in der Medizin an der Universität Tübingen. Sorgen Sie seitdem dafür, dass unter deutschen Medizinern mehr über Moral diskutiert wird?

Urban Wiesing: Ich gebe Seminare für Medizinstudenten, in denen ich Probleme des ärztlichen Alltags anspreche. Wie wird beispielsweise ein Patient über eine unheilbare Krankheit aufgeklärt? Wann dürfen lebenserhaltende Apparate ausgeschaltet werden? Außerdem bin ich Ansprechpartner für Ärzte, die komplizierte Fälle aus der Berufspraxis mit mir bereden wollen. Ich verstehe mich als Experte zur Urteilsfindung, nicht als Instanz mit einer überlegenen Moral. Auch behält ein Arzt, den ich berate, die volle Verantwortung für die Behandlung seines Patienten.

zeit: Welche Qualifikation muss ein Medizinethiker haben?

Wiesing: Medizinethik ist ein klassisches Brückenfach, eine breite philosophische sowie medizinische Bildung sind notwendig. Man muss nicht unbedingt Arzt sein, unabdingbar ist, die medizinische Technologie und Terminologie zu kennen. Die führenden Medizinethiker in den USA waren zumeist Philosophen und Theologen. Ich selbst habe in Medizin und Philosophie promoviert und mich in Geschichte und Theorie der Medizin habilitiert.

zeit: Hat die Medizinethik in anderen Ländern, wie etwa den USA, größere Bedeutung, als in Deutschland?

Wiesing: Ja. Seminare zu Ethik sind für Studierende in den meisten anderen Ländern Pflicht. In Deutschland hingegen wurden diese Themen lange Zeit umgangen - vielleicht auch als paradoxe Reaktion auf den Nationalsozialismus.

Das Thema Sterbehilfe zum Beispiel war wegen der verbrecherischen Euthanasieprogramme der Nazis tabuisiert. Zudem sind die unterschiedlichen Traditionen des Arztberufes wichtig. In Amerika etwa gibt es zwischen Arzt und Patient eher ein Dienstleistungsverhältnis, und es wird nüchterner über ethische Fragen diskutiert als in Deutschland, wo der Arzt sich eher als Anwalt des Patienten sieht.