Die ethnischen Kriege der neunziger Jahre haben die Grenzen des liberalen Interventionismus gezeigt: Diese zentrale Aussage Michael Ignatieffs ist durch den Kosovokrieg, der erst nach der Niederschrift des Buches und der Veröffentlichung des englischen Originals stattgefunden hat, mitnichten widerlegt. Die Grenzen nämlich, die Ignatieff für eine sich menschenrechtlich legitimierende Interventionspolitik ausmacht, resultieren aus einem Widerspruch in den Grundprinzipien liberaler Außenpolitik: einer sich auf die Verteidigung der Menschenrechte gründenden Verpflichtung zum Eingreifen bei gleichzeitigem Verbot zum Gebrauch jener Mittel, die in schwierigen Situationen noch am ehesten erfolgversprechend sind.

Die Kolonialmächte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts konnten zu diesen Mitteln greifen, weil sie sich nicht auf menschenrechtliche, sondern auf freihändlerische Prinzipien stützten, wenn sie militärisch intervenierten.

Sie orientierten sich damit an ihren eigenen ökonomischen und politischen Interessen, während bei humanitären Interventionen die Interessen einer verfolgten, bedrohten und unterdrückten Zivilbevölkerung ausschlaggebend sein sollen. So hat sich kalkulierte Interessenverfolgung in politisch-moralische Verpflichtungen verwandelt, die mit erheblichen Einschränkungen beim Gebrauch militärischer Mittel verbunden sind.

Aus diesem Dilemma sieht Ignatieff kein Entkommen. Die Folge ist, dass er das Anspruchsniveau eines humanitären Interventionismus insgesamt zurückschraubt: Auch in Zukunft wird der Westen bei einer Reihe ethnischer Kriege zum Zuschauen verurteilt sein, weil er die zu ihrer Unterbindung erforderlichen Schritte nicht gehen kann, wenn er seinen eigenen Prinzipien nicht untreu werden will.

Visuelle Reize steuern moralische Verpflichtungen

Ignatieff misstraut darum der Verführungskraft moralischer Empörung, wie sie seit den neunziger Jahren durch eine Reihe nichtstaatlicher Organisationen mithilfe der Medien, insbesondere des Fernsehens, in zuvor ungeahntem Ausmaß politisch zur Geltung gebracht wird. Die Konjunkturen moralischer Empörung sind zu wenig enttäuschungsresistent, um nicht bei einer notwendig eintretenden Desillusionierung zusammen mit den sie tragenden moralischen Erzählungen zusammenzubrechen. Realistische Strategien des Helfens jedenfalls lassen sich auf ihnen nicht begründen. Vor allem aber insistiert Ignatieff darauf, dass die westlichen Mächte den postkolonialen Ländern das nicht geben können, was sie am dringendsten brauchen: robuste Formen von Staatlichkeit, das heißt eine nicht bestechliche Administration, eine zuverlässige Polizei und vor allem eine professionalisierte Armee. Für dieses Defizit kann auf Dauer keine noch so wohlmeinende Hilfe von außen Ersatz bieten.

Dabei steht Ignatieff dem, was er abkürzend die "Ethik des Fernsehens" nennt, keineswegs prinzipiell ablehnend gegenüber. Vor allem durch das Fernsehen ist unser moralischer Bezugsrahmen, der über Jahrtausende auf relativ kleine Sozialgruppen begrenzt war und erst in den letzten zwei Jahrhunderten auf den politischen Großverband der Nation ausgeweitet worden ist, buchstäblich global geworden. Und seitdem kein Land der Erde mehr weit genug entfernt ist, als dass nicht über es hereinbrechende Katastrophen und Kriege zum Thema der allabendlichen Nachrichtensendungen werden könnten, hat sich eine medial gesteuerte Vermittlung moralischer Beziehungen zu Fremden etabliert, die menschheitsgeschichtlich wahrhaft revolutionär ist.