Der "Trau keinem unter 30"-Boom macht es leicht vergessen: Jugendliches Schreiben ist eine uralte Sache. Bei den meisten ist es der Anfang vom Ende (der Jugend und des Schreibens), bei wenigen der Anfang (eines großen Werks) - nicht selten ein Anfang, der ihnen später als Jugendsünde gilt. Während Thomas Mann noch nach Jahrzehnten die Weihnachtsszene aus den in seinem 26.

Lebensjahr veröffentlichten Buddenbrooks vorlas, betrachtete sein ewiger großer Bruder Heinrich sein früheres Ich, den 21jährigen Autor des Debütromans In einer Familie, als "jungen Menschen, der einst meinesgleichen gewesen, mir aber schon längst aus den Augen gekommen" ist.

Der milde Spott stammt aus einem Brief an sich selbst, den er 30 Jahre nach der Erstveröffentlichung von 1894 einer überarbeiteten Neuausgabe anfügte.

Was ihm nur halb recht war, ist seinem späteren Verlag billig: Er wirft nun noch einmal die Ursprungsfassung auf den Markt, auf dem der Erstling, wäre er ein Neuling, wegen null Pflichtpunkten in "lustvollem Erzählen" keine Chance hätte. Auch hier tritt ein Weihnachtsbaum auf. Seine Ausstattung, die "geschmackvolle Verteilung von Silberflitter und großen weißen Papierlilien mit goldenen Blütenstengeln", beweist die "wehmütige Anhänglichkeit an die alten geheiligten Gebräuche, welche das Erbteil der inmitten von Traditionen und Familiensinn Aufgewachsenen bleibt." Flitter und Gebräuche - Kunst und Bürgerlichkeit - die im Erzählstil des Jüngeren zu der sprichwörtlichen ironischen Weltsicht diffundieren, verlieren beim Älteren, sieht man von Henri IV. ab, nie ihre abstrakte Ambivalenz. Von Beginn an. Der schwülstige Plot der "mitreißenden Liebesgeschichte", die heute dreist annonciert wird, gibt dem jungen Heinrich Mann lediglich den Vorwand für die (Re-)Kapitulation der bürgerlichen Psychologie des ausgehenden Jahrhunderts an der Schwelle zum Ästhetizismus des Fin de Siècle. Ein so dünner wie plakativer Handlungsfaden bildet den Aufhänger für endlose seelenkundliche Abhandlungen und sentenziöse geistig-moralische Reflexionen.

Was als philologisches Material einer Schriftstellerbiografie und als ideengeschichtliches Dokument von einigem sekundären Wert ist, liest sich unmittelbar literarisch als reines Kuriosum, trivial bis in die Namensgebung der Figuren. Erich Wellkamp, so nennen wir einen vermögenden "Emporkömmlings"-Sohn in den besten Jahren, Anna seine blutjunge Verlobte, ihren Vater Major (im Ruhestand) von Grubeck und dessen Zweitfrau Dora - und schon ist das Roman- und Familienpersonal komplett. Nehmen wir weiter zur Kenntnis, dass Anna eine "protestantische Natur" mit Hang zum philanthropischen Sozialismus ist, der Major der Typus des gutmütig-labilen, von Alter und äußeren Ehrbegriffen leidlich gehaltenen Triebmenschen, Dora - schön, frustriert und überreizt - die morbide Figur der vamphaft entfremdeten Weiblichkeit und Eduard, Pardon, Erich der schwächlich-"languine" Neurastheniker mit Hang zum Abgrund und Sehnsucht nach Festigkeit, so haben wir nicht nur die wahlverwandtsc haftliche Konstellation, sondern ein Personal, das sich bruchlos in die bekannte Mannschaft einreiht - Thomas' Gerda und Hanno, Leverkühn und Senatorin Rodde, Aschenbach, Castorp und Krull hier - Heinrichs Zumsee, Marehn, Unrat, Diederich und di e unzähligen weiblichen Varietéfiguren dort. Im manichäischen Konzept des Älteren treffen die Männer, verstrickt und passiv, ihre Wahl zwischen den in den Frauen verkörperten Lebensmodellen, dem problematisch-asozialen und dem saturiertgewöhnlichen.

Ein Geschlechterkampf ist also programmiert, der in aller Berechenbarkeit abläuft: Wellkamp verfällt den mithilfe von romantischen Liedern, exotischen Kunstobjekten und einer Tannhäuser-Aufführung inszenierten Absichten der weiblich-impotenten Femme fatale Dora. Die Affäre, halb geduldet von dem aus-gedienten Major-Patriarchen, degeneriert an sich selbst zu einem sadomasochistischen Endspiel. Lediglich die versöhnliche Auflösung ist nicht voraussehbar. Anna, deren halb nüchterner, halb gefühliger Pragma-Pietismus die harmlose, eher belächelte Alternative zu der (fein-)nervigen Wagneriade darstellt, führt als protestantische Madonna den Gefallenen in die vorbestimmte Unzweideutigkeit zurück

die mystisch-artistische, moralisch indifferente Variante wird mit Doras Tod auf dem Altar bürgerlicher Eintracht geopfert.