Ein Land gibt sich den Ruck - entschlossen, den lähmenden Albtraum der Kohl-Ära sich aus den Augen zu reiben. Die Aufbruchsbewegung hat den Gegner fest im Visier: der Parteienstaat sei der große Bremser, der alle Innovation behindere und die Initiative einer erneuerungshungrigen Gesellschaft entmutige. Direkte Demokratie wird zum Zauberwort. Mehr Bürgerbeteiligung soll die Entfremdung der politischen Klasse vom obersten Souverän, dem Volk, aufheben. Vorwahlen, Urabstimmungen, Volksentscheide sollen den entscheidungsschwachen Politikern Beine machen, die parlamentarische Kandidatenauswahl transparenter werden lassen und die Gesetzgebungsprozeduren beschleunigen. Im rasanten Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft, so heißt es, kann sich unser Land eine unflexible politische Apparatur wie die bisherige nicht mehr leisten.

Schluss soll auch sein mit Klüngelwirtschaft und Selbstbedienungsmentalität der Volksvertreter und Parteifunktionäre. Wer soll all das richten? "Das Volk." - "Der Bürger." Denn der, so tönt es, weiß am besten, was gut für alle ist. Und soll die politische Profikaste jetzt unmittelbar anweisen, was sie zu tun oder zu lassen hat. Solche Reden kannte man früher nur von linksutopischen Basisdemokraten oder rechten Populisten. Jetzt aber sagen es führende Vertreter der staatstragenden Parteien. Bürgerliche und Neue Mitte rufen vereint nach der herrschaftsfreien Demokratie.

Wenn sich freilich die Parteien selbst als Einpeitscher einer Antiparteienstimmung betätigen, ist Skepsis angebracht. Wenn Politiker auf Bürgerforen Beifall einzuheimsen versuchen, indem sie ankündigen, dem Souverän solle jetzt die Macht zurückgegeben werden, die ihm von "der Politik" entrissen worden sei, kommt ein tiefes Unverständnis, ja eine frappierende Missachtung des Wesens repräsentativer Demokratie zum Vorschein, die man längst überwunden glaubte. Es ist die alte Vorstellung, demokratische Repräsentation bedeute per se Verfälschung, mindestens aber Deformation des reinen Volkswillens. In der Tradition der politischen Romantik wurde sie als Fragmentierung der ursprünglichen Einheit des Volkes in atomistische Interessen empfunden. Einer marxistischen Entfremdungskritik galt sie als unvollkommene Schrumpfform authentischer Selbstbestimmung, bestenfalls als Übergangsstadium zu einer zukünftigen, wahrhaftigen Produzentendemokratie.

Die Rechte sah durch den Anspruch interessengeleiteter Deputierter, im Namen des Volkes Gesetze auszuhandeln, die Idee von der organischen Einheit des "Volkes" in seiner metaphysischen Realität entweiht. Die Linke erblickte im parlamentarischen Gewusel nur politischen Priesterbetrug, allein dazu angetan, die Volksmassen über ihre wirklichen Bedürfnisse hinwegzutäuschen.

Noch die plebiszitäre Prägung der Weimarer Verfassung war von einer offenen oder unterschwelligen Verachtung für die Winkelzüge repräsentativer parlamentarischer Verfahrensregeln getragen.

Nun wäre es freilich unsinnig zu befürchten, die gegenwärtige Begeisterung für direkte Demokratieformen bereite einem Systemumsturz den Boden. Gegen die Einfügung plebiszitärer Elemente in die demokratischen Verfahren ist ja nichts Grundsätzliches einzuwenden. Die Befürchtung, das Recht auf Volksabstimmungen könnte, wie in der Weimarer Republik, von antidemokratischen Kräften zur Aushebelung der Verfassung missbraucht werden, ist angesichts der Stabilität der bundesdeutschen Demokratie überzogen. Es irritiert jedoch, wie das Prinzip der Direktwahl heute trotz negativer historischer Erfahrungen vielfach wie eine neue Heilsbotschaft gehandelt wird.

Zum Ausdruck kommt darin ein wachsender gesellschaftlicher Überdruss an institutionalisierten, formalen Verfahrensregeln. Dass sich aber da, wo alle mitreden können, das bessere Argument durchsetze, ist eine idealistische Illusion. Basisdemokratie schiebt der Verselbstständigung informeller Strukturen keine Riegel vor - im Gegenteil, sie öffnet ihr sogar die Türen.