Im Staatsschauspiel Dresden schwebt ein Engel. Er hat die Flügel ausgebreitet, die Arme erhoben. Hielte ihn nicht der Haken eines Baukranes am Schlafittchen, der Engel müsste ins Parkett herabstürzen. Für die Aufführung von Brigitte Reimanns 1974 postum veröffentlichtem Roman Franziska Linkerhand hat Ursula Müller das Publikum auf der Bühne platziert und den grau-weiß-goldenen Zuschauerraum in eine Erinnerungslandschaft verwandelt.

Ein Vexierbild, in dem Aufbruch und Abriss sich gegenseitig dementieren. Als handele es sich um ein Trümmerfeld zuschanden gewordener Hoffnungen der DDR-Aufbaugeneration, steigt dünner Rauch zwischen den Sitzreihen auf.

Himmelwärts ragt ein Baugerüst unter das Theaterdach, gegenüber fährt in einem Schüttrohr die Utopie zur Hölle. Die Beschlüsse der Plankommission, die auf den Schreibtisch der Stadtarchitekten flattern, wandern in den Aktenschredder. Derart überbrücken die Erbauer der sozialistischen Stadt die unüberwindliche Kluft, die sich zwischen den Planvorgaben und der Realität auftut. Zu Erfüllungsgehilfen bei der Errichtung von Plattenbaughettos degradiert, bewegen sie sich folgerichtig auf einem schmalen Grat. Der führt S-förmig über die Sesselreihen. Unter dem Laufsteg haust die Wirklichkeit.

Vergewaltigung, Selbstmord und Gleichgültigkeit bestimmen das Leben in Neustadt. Doch anders als Brigitte Reimann, die ihre idealistische Jungarchitektin stellvertretend für eine ganze Generation loyaler DDR-Bürger in die Desillusionierung stürzte, zeigt Regisseurin Irmgard Lange die Franziska als Zirkusprinzessin aus Panzerglas. Winnie Böwe jongliert frohgemut mit ihren Lebenskatastrophen, jeder Niederschlag prallt an ihr ab, ohne Kratzer zu hinterlassen. Entsetzt starrt allein der Engel auf das Geschehen. Über die Wahrheit der Geschichte weiß der Theaterraum in Dresden mehr als die Inszenierung.