Letzte Worte. Legenden. "Es tut mir leid, dass ich mit vollem Gepäck scheiden muss" - dies sollen die letzten Worte Bartóks auf dem Totenbett gewesen sein.

Und im Koffer war: ein Bratschenkonzert. Ausgerechnet Bratsche. Jetzt bloß kein Bratschenwitz. Keinen dieser schenkelkrachenden Kalauer, die umstandslos auf Ostfriesen oder Blondinen übertragbar sind. Gewiss, Bratschen haben ihr Handicap: Behäbigkeit, mangelndes Durchsetzungsvermögen, nicht schwindelfrei in der Höhe - so will es das Vorurteil.

Das war auch William Primrose klar, als er 1945 bei Béla Bartók ein Bratschenkonzert bestellte und schrieb: "Ich bitte Sie, sich durch die scheinbaren technischen Schranken des Instruments nicht beeinflussen zu lassen. Ich versichere Ihnen, daß diese noch aus jener Zeit datieren, da die Bratsche als ein Instrument im Pensionsalter angesehen wurde." Bartók nahm den Auftrag an, und kurz vor seinem Tod schrieb er zurück: "Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, daß Ihr Violakonzert im Entwurf fertig ist und dass bloß noch die Partitur geschrieben zu werden braucht, was gewissermaßen nur eine mechanische Arbeit ist." Gewissermaßen alles schon im Koffer. War aber nicht.

Vier Jahre puzzelte Tibor Serly - Bartóks Schüler und Freund - die hinterbliebenen Skizzen und kryptischen Notate zu einer Partitur zusammen, deren durchsichtige Instrumentation der Bratsche Gelegenheit gibt, in sonorer Lage Worte des Abschieds in erhabener Abgeklärtheit zu sprechen. Kim Kashkashian übernimmt diesen Part, begleitet vom Netherland's Radio Chamber Orchestra unter Leitung von Peter Eötvös (ECM new series 1711). Einen elegischeren Violaklang wird man momentan kaum finden und ebensowenig einen beherzteren Zugriff in den Passagen, in denen sich Bartók der ausgelassenen Tänze seiner ungarischen Heimat erinnert.

Manchmal sind auch erste Worte letzte Worte: György Kurtágs Movement ist Teil eines 1954 geschriebenen Bratschenkonzertes. Danach fiel er in ein einjähriges, depressives Schweigen, aus dem ein vollständig veränderter Kurtág hervorging, nämlich der heute bekannte Aphoristiker. Im Gegensatz dazu mutet sein Jugendwerk wie der Versuch an, eine große Erzählung mit klassischromantischem Vokabular zu starten, die Berlioz' Harold in Italien (dem einzigen Bratschenkonzert der Vergangenheit von Format) näher steht als Bartók. Kurtágs Movement ist ein äußerst aufschlussreiches Dokument, wie ein Komponist eine glänzend funktionierende Sprachfertigkeit verlässt, um seine eigenen Wörter zu finden.