Delft

Am Sonntagmorgen, kurz vor halb elf, ist sie in Enschede. Eine erschütterte Königin im schwarzen Kleid, ohne Hut, ohne Handschuhe. Sie schaut auf die ausgebrannten Häuser, schüttelt den Kopf, denkt laut nach über das, was alle bewegt: "Die armen Menschen", sagt sie, und: "Unbegreiflich, wie war das möglich", und noch einmal, "unbegreiflich, wie so ein gefährlicher Betrieb mitten in einer Wohngegend stehen kann." Als sie ein paar Meter weiter einen Polizisten sieht, der vor einigen Stunden verkohlte Leichen geborgen hat, jetzt einen Fluch verschluckt, weil er nicht weiß, was tun mit den Tränen, geht sie auf ihn zu und legt ihm die Hand auf die Schulter.

Beatrix, Königin der Niederlande, gezeichnet von Schmerz und Schrecken, breitet die Arme aus. Man kann sich auf sie verlassen

in der Stunde der Not, wenn die Flut steigt, ein Flugzeug abstürzt, auch angesichts der Katastrophe von Enschede ist Ihre Majestät da. Als Staatsoberhaupt tut sie ihre Pflicht und wird dafür geachtet. Aber wenn sie ihr Amt, das "kein Mensch sich freiwillig aufladen würde" (wie sie am Tag ihrer Thronbesteigung erklärte), auf diese Weise, als "Mutter des Vaterlandes", erfüllt, wird sie geliebt.

Breiter Konsens herrscht im wohlstandssatten Polderland auch darüber, dass sich Beatrix in den letzten 20 Jahren als "emotionales Bindemittel der Gesellschaft", als kompetente Repräsentantin des Hauses Oranien und als international geschätzte Vorzeigefrau für die Handelsinteressen der expandierenden Holland KG bewährt hat. Sie sei eine fähige Fürstin, der Prototyp der niederländischen Frau überhaupt, erklärt ein Professor aus Delft: "Sie ist ehrgeizig und sparsam, hält die Familie und ihre Werte zusammen, macht keine Skandale, fährt keinen Rolls-Royce und schämt sich nicht, ihren kranken Mann mitzunehmen."

Kritiker der Königin werden nun wohl fürs Erste verstummen

Dass sich seit Jahren in der "Republikanischen Gesellschaft" wohlsituierte Herren, die ihre Namen lieber nicht nennen wollen, über undemokratische Zustände an der Spitze der konstitutionellen Monarchie beklagen, dass sich die Amsterdamer vor den Kopf gestoßen fühlten, als die Königin vor zwei Jahren ihren 60. Geburtstag zwar in ihrer Hauptstadt, aber lieber ohne Volksfest, bloß mit einer privaten Party feierte, schien bisher nur zu kleinen Kratzern am glänzenden Image der Eigensinnigen zu führen. Beim politisch als ungeschickt eingestuften Skiurlaub in Haiders Österreich wurde das Unbehagen lauter.