Den Teufel wird er tun und gleich auf das unverhoffte Geschenk verzichten: Es sei das gute an Optionen, gibt Gerhard Schröder zu Protokoll, dass man sie wahrnehmen könne, wann man es für richtig halte. Der Kanzler winkt mit der Dachlatte. Er ist also angekommen in der Multioptionsgesellschaft, wie Soziologen die Moderne genannt haben, in der man einerseits die freie Auswahl hat, andererseits aber die Objekte der Begierde austauschbar werden.

Die Wähler haben dem Kanzler Rot-Grün beschert, als er noch mit einer Großen Koalition spekulierte. Langsam hat er gelernt, daraus etwas machen zu wollen.

Also verspricht er den Grünen in Berlin Fairness und Standhaftigkeit.

Wolfgang Clement in Düsseldorf wiederum garantiert er "völlig freie Hand".

Weshalb sollte Schröder jetzt auf einen Partnerwechsel spekulieren? Ein auffallend eigensinniger, sperriger Koalitionspartner ist das nicht, mit dem er derzeit kooperieren muss.

Sicher, im Bund gewinnt die SPD tatsächlich die Aussicht auf einen Ersatzpartner, wenn die Grünen aus der Mode kommen. Aber färbt sich der Zeitgeist, zu dem einmal das CDU-FDP-Bündnis passte, dem dann wieder ein schwarz-grünes Modell zu entsprechen schien, heute plötzlich ein zweites Mal "sozialliberal"? Das wäre die Renaissance einer mythenumwobenen Traumpartnerschaft. Gerhard Schröder und Guido Westerwelle (alias Jürgen Möllemann) in den Rollen von Willy Brandt und Walter Scheel.

Die goldenen sozialliberalen Zeiten: Der nostalgische Rückblick rückt dieses Bündnis aus dem Jahr 1969, dem die Einheit nicht vor Augen stand, in strahlendes Licht. Aber Koalition ist 30 Jahre danach längst nicht mehr gleich Koalition. Und sozialliberal heißt nicht mehr sozialliberal. Welten liegen zwischen diesen Zeiten des Aufbruchs, die bis 1972 emotional andauerten und 1974 in Umbruch und Ernüchterung endeten. Damals lag das Bündnis in der Luft: das Bedürfnis nach einem großen Machtwechsel, die Sehnsucht nach einer "Umgründung" der Bundesrepublik, der Schub der außerparlamentarischen Opposition, die Wahl des Sozialdemokraten Gustav Heinemann zum Bundespräsidenten, endlich die rot-gelbe Koalition in Düsseldorf seit 1966 - das alles floss in diesem Moment zusammen.