Professor Bernardo Carducci ist ein dicker Mann in einem hellen Sakko mit sehr großen Karos. Sein ermunterndes Lächeln trägt er in ein voluminöses Doppelkinn gebettet, das wiederum auf einer turbulent gemusterten Krawatte ruht. Er ist Experte in Schüchternheit und hat zur Erforschung dieser menschlich-seelischen Not an der Indiana University Southeast ein Institut gegründet. Übrigens kennt der amerikanische Psychologe auch gehemmte Tiere.

In der Tat drehen uns beispielsweise Kühe, wenn sie sich vom herankommenden Menschen bedrängt fühlen, ihren Hintern zu und tun ganz so, als wären sie gar nicht mehr anwesend, obwohl sie eigentlich neugierig sind. Es ist das typische Verhalten schüchterner Leute, die jede Party still und leise vorzeitig verlassen und sich dabei innerlich einreden, dies sei das Beste für sie und die Partygäste sowieso unter ihrem Niveau. Für sie und auch für Sie hat Bernardo Carducci jetzt die Essenz seiner 20-jährigen Forschungsarbeit und seiner zahlreichen Vorlesungen in Buchform vorgelegt. Erfolgreich schüchtern provoziert herausfordernd der deutsche Buchtitel die gehemmte Leserschaft.

Dezente Streifen einerseits und kleine Punkte andererseits zieren die Krawatten des französischen Therapeutenpaares Christophe André und François Lelord, die über Die Kunst der Selbstachtung geschrieben haben, ein der Schüchternheit verwandtes Thema. Angesprochen ist auch hier die Masse der innerlich Einsamen. Diese empfindlichen Menschen haben unter Umständen sogar eine sehr hohe, jedoch sehr instabile Selbstachtung. Sie sind unberechenbar empfindlich, hungrig nach Erfolg, reden ungebremst und entwerten andere zerstörerisch bei jedem Anzeichen eigener Misserfolge.

Auch schüchterne Menschen sind "der unangefochtene Mittelpunkt ihres eigenen Denkens", schreibt Carducci. Sie durchleben schweigend alles in ihrem Inneren. Nie machten sie den ersten Schritt und überließen "das Ölen der sozialen Maschinerie" anderen. So streng ist der Autor nicht immer mit seiner Klientel. Er weiß um die Schamgefühle, wie beklemmend die Angst und wie peinlich die körperlichen Reaktionen sind: trockener Mund, feuchte Hände, Magenschmerzen, Schwächegefühl, weiche Knie, dümmliches Lächeln, Schweißausbrüche, Tränen, roter Kopf, Körperzucken.

Wie soll man damit "erfolgreich schüchtern" werden? "Nur, wenn Sie Situationen aushalten lernen", so Carducci, und rät, die selbstverfolgenden Fantasien aufzuschreiben. Er nennt Strategien für das Überleben in Konferenzen, auf Empfängen, zwischen fremden Menschen: In der "Aufwärmphase nach Leuten Ausschau halten", denen es ähnlich gehe. "Betonen Sie das Positive. Begrenzen Sie Ihre negativen Selbstgespräche." Der Mann kennt die Schüchternen wie seine Westentasche. Das steht außer Frage.

In beiden Büchern gibt es zahlreiche und teils recht unterhaltsam geschriebene Fallgeschichten von Menschen, die sich selbst innerlich entwerten sobald sie sich nach außen behaupten wollen. Beide Bücher bestätigen: Nichts geht ohne innere Würde, ohne eigene Wertschätzung, keine Liebesbeziehung und keine berufliche Leistung. Beide Bücher sollen helfen, das Verhalten labiler Menschen zu ändern. Carducci gibt seiner Klientel zu tun: Immer denken, es gehe allen so, immer denken, man sei etwas Besonderes, Komplimente machen, Fragen stellen, nicht weglaufen. "Am besten zwingen Sie sich, Ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken." Und das Ganze immer schön üben, üben, üben. Schüchterne Menschen erledigen das in Sekundenschnelle, Couchpotatoes können alles, selbstverständlich nur in ihrer Fantasie. Kein Buch, kein Test, kein Fragebogen bringt sie unter Leute. Das müsste Carducci doch wissen!

Die beiden Franzosen André und Lelord versuchen es mit theoretischer Aufklärung. Sie beschreiben mögliche neurotische Entwicklungen zwischen einerseits überfordernder Selbstidealisierung sowie andererseits depressiv zerstörerischer Erfolgsangst, und am Ende ihres Buches verweisen sie ausdrücklich auf die Möglichkeit der therapeutischen Behandlung.