Das irdische Paradies ist da, wo ich bin, beschied Voltaire vor über 250 Jahren. Für den französischen Essayisten und Romancier Pascal Bruckner (Das Schluchzen des weißen Mannes, Bitter Moon und anderes liegen auch auf Deutsch vor) wurde Voltaires Gedanke zur Matrix eines ewigen Glücksanspruchs, zur modernen Pflicht zum Glück. Life, liberty and the pursuit of happiness, diese Devise der Amerikanischen Revolution hat sich heute im westlichen Alltag, machen wir uns nichts vor, gegenüber dem Anspruch der Französischen Revolution auf Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit durchgesetzt. Dazu genügt schon ein flüchtiges Blättern in Leben- und Lifestyle-Seiten oder ein Blick auf die Börsenberichterstattung.

Längst verblasst ist auch die christliche Vorstellung, dass Schmerz und Leid auf Erden unsereins vielleicht auf ein besseres Leben im Jenseits vorbereiten, also ihren eigenen Sinn haben. Verschwunden sei ebenfalls, stellt Bruckner fest, jegliche feudal-aristokratische Idee von "Grandeur" oder Heldentum: "Wir ziehen es vor, eher glücklich als sublim oder heilsgewiss zu leben." Sei glücklich, dieser kategorische Imperativ moderner Zeiten löse - so der Titel von Pascal Bruckners erfolgreichem Essay im Pariser Verlag Grasset - Die immerwährende Euphorie aus. Das Glück werde heutzutage nicht verliehen, sondern erarbeitet. Mit der Pflicht zum Glück aber, schreibt Bruckner, sei das Unglück in dieser besten aller Welten nicht länger einfach ein Unglück, sondern viel schlimmer: ein Scheitern des Glücks, vergeudete Arbeit, persönliches Versagen. Schuld am Unglück sind wir selbst.

Das zeigen wir ungern in dieser Gesellschaft von Überfluss und schönem Schein.

Darum, keep smiling. Doch nichts sei "schlimmer als diese Leute, die immer nur fröhlich sind, unter allen Umständen, und eine strahlende Grimasse auf ihr Gesicht geheftet haben". Vielen von ihnen bleibt allerdings kaum etwas anderes übrig, denn das wirkliche Leben ist nun einmal nicht randvoll von Glücksmomenten, sondern durchzogen von Routine, Monotonie, ewiger Wiederkehr des Mittelmäßigen, dem wir zu entrinnen suchen. Das Streben nach Glück wird so zwangsläufig zum Kreuzweg. Alles und jedes wird darum gedeutet oder umgedeutet im Zeichen dieser Passionsgeschichte: Wer krank wird, hat wenigstens eine Geschichte zu erzählen, also dem Nachbarn etwas voraus. Der Neid, der Kitsch, die Wetterkarte oder die importierten Heilslehren aus Fernost, nichts widersteht dem sezierenden Blick des Pascal Bruckner. Ein Moralist wie der große Pascal, ein Desillusionskünstler wie Schopenhauer. Und manchmal ein Lausbub, der eine Fensterscheibe einwirft und sich scheinbar staunend zwischen die empörten Passanten mogelt.

Ist es Zufall, dass sich auf den Bestenlisten neben Bruckners Essay gleich noch ein Autor um Glück und Entsagung kümmert? Michel Onfray, seit Der sinnliche Philosoph auch in Deutschland bekannt, tritt mit seiner Theorie des verliebten Körpers (ebenfalls im Verlag Grasset) gewiss weniger als Moralist denn als philosophischer Medizinmann auf. Onfray liefert, wie ein französischer Rezensent amüsiert bemerkte, eine Genealogie des Verlangens oder eine Gynäkologie der Moral, kurz, er wird fleischlicher als Bruckner mit seinem tänzelnden Spott und Erbarmen. Er sucht im Grunde doch noch den Ausweg, die Ritze, durch die der Zeitgenosse dem absurden allgemeinen Glücksschwindel entrinnen kann. Onfrays Antwort - die Kunst, ganz man selbst zu bleiben in der Beziehung zum anderen, also gegebenenfalls selbst Libertinage und Monogamie zur höheren Form der Treue zu adeln - mag am Ende etwas pausbäckig wirken. Aber ein Pascal Bruckner hätte ihr kaum widersprochen.

Moralist und Libertin, même combat? Bemerkenswert immerhin, wie seit einigen Jahren Lust und Begehren in Frankreich die guten und besseren Essayisten reizen. Auf Bruckner und Onfray, vielleicht auch auf Dominique Noguez' Les plaisirs de la vie (bei Payot) wird der hiesige Leser vermutlich nicht lange warten müssen. Die Wahrheit ist konkret, sagte einst ein sehr deutscher Philosoph und verliebte sich doch nur ins Abstrakte. Die einfachen Dinge des Lebens bergen oft die schönsten und klügsten Geschichten. Warum nur finden allein Franzosen ihr Vergnügen daran, sie auch zu erzählen?