Die Erbfolge war im Grunde schon geregelt. Einer neuen Agentur Ruhr sollte der Nachlass der Internationalen Bauausstellung (IBA) Emscher Park zufallen, die ihre zehnjährige Arbeit Ende 1999 eingestellt hat. Die von den Kommunen getragene Agentur sollte die vielen Industriedenkmale, Kulturstätten und Landschaftskunstwerke, welche die IBA sorgsam restauriert und zu touristischen Attraktionen gemacht hat, pflegen und weiterführen. Dazu zählen Anziehungspunkte wie die Zeche Zollverein in Essen, der Landschaftspark Duisburg-Nord, die Zeche Zollern in Dortmund ebenso wie der Gasometer Oberhausen oder die Jahrhunderthalle in Bochum. Doch wie das so ist bei reichen Erbschaften - die Verwandtschaft geriet sich in die Haare.

Der Kommunalverband Ruhrgebiet (KVR) wehrte sich heftig gegen die geplante Agentur, schon weil er ihr geopfert werden sollte. Eine Doppelstruktur - KVR und Agentur nebeneinander - lehnten wiederum die Städte im Revier ab, denn diese Lösung würde sie mehr Geld kosten. Also: keine Agentur, und der KVR bleibt. Da schwang sich Ministerpräsident Wolfgang Clement zum Testamentsvoll-strecker auf und setzte der zerstrittenen Verwandtschaft die Projekt Ruhr GmbH vor die Nase, eine hundertprozentige Landestochter. Sie soll nun das IBA-Erbe wahren - aber nur unter anderem. Hauptsächlich soll sie ein Motor für den Strukturwandel sein.

So hat sich nun jeder ein Häppchen des IBA-Erbes gesichert: die Städte, der KVR, die Projekt Ruhr GmbH - und die vor einem Jahr gestartete Ruhrgebiet Tourismus GmbH (RTG), der es eigentlich vorbehalten sein sollte, ein eigenständiges touristisches Profil für das Ruhrgebiet zu entwickeln. Davon sieht sich RTG-Chef Jürgen Steiner zurzeit weiter entfernt denn je.

Im Tourismusgeschäft wiederholt sich nun, was das Ruhrgebiet immer ausgezeichnet hat: Kompetenzwirrwarr und Kirchturmpolitik. Aus Furcht vor seiner Macht ist dem Ballungsraum eine einheitliche Administration seit jeher verwehrt worden. Von drei Regierungsbezirken wird das Revier verwaltet, die ihren Sitz alle außerhalb haben: in Düsseldorf, Münster und Arnsberg. Auch die Grenze der zwei Landschaftsverbände Rheinland und Westfalen verläuft mitten durchs Revier.

Dabei scheint allen Beteiligten bewusst zu sein, dass das Ruhrgebiet als touristisches Ziel neben den großen Metropolen wie Paris, London oder Berlin nur bestehen kann, wenn es zusammenhält, wie KVR-Chef Gerd Willamowski sagt. Die einzelnen Städte sind doch keine internationalen Adressen.

Doch in Wirklichkeit kocht jeder sein eigenes Süppchen. Die Städte vermarkten die jeweiligen IBA-Projekte auf ihrem Gebiet. Für Reisen zu den Denkmalen der Industriegeschichte gibt es keine zentrale Anlaufstelle. Nicht nur die eigens dafür gegründete RTG bietet sie an, sondern auch der KVR. Die neue Projekt Ruhr GmbH will demnächst ebenfalls einen Tourismus-Fachmann einstellen. Hinzu kommen zahlreiche kleinere Anbieter, zum Teil gegründet von Gästeführern der abgewickelten IBA.

Ein Trauerspiel nennt der Regionalforscher Hans Heinrich Blotevogel, wie das Erbe der IBA innerhalb kürzester Zeit verspielt wurde. Der ehemalige IBA-Chef Professor Karl Ganser mag sich zu alldem nicht mehr äußern. Aus seiner Umgebung ist lediglich zu hören, er sei von diesem Scherbenhaufen emotional sehr berührt.