Xaver Zwick arbeitet seit 34 Jahren bei BMW im niederbayerischen Dingolfing. Ebenso lange hält er Aktien des Unternehmens. "BMW ist super", sagt das gestandene Mannsbild im hellen neobayerischen Ledersakko. Seine Frau Maria, im Dirndl aus modischem Leinenstoff, arbeitet ebenfalls im Dingolfinger Werk. Die beiden haben am Dienstag dieser Woche extra frei genommen, um mit ihrem neuen Geländewagen, einem Rover Freelander ("der zweite Rover nach 45 BMW") zur Hauptversammlung nach München zu brausen. Dort in der Philharmonie im Kulturzentrum Gasteig heißt das Topthema auf den Fluren und am Buffet "Abschied von Rover". Es geht um jene missglückte Fusion, die dem bayerischen Vorzeigeunternehmen nach 35 Jahren mit Gewinn ein Minus von fast fünf Milliarden Mark in der Jahresbilanz bescherte. Die Aktionäre wollen nach den Wirrungen der vergangenen Wochen von BMW-Chef Joachim Milberg wissen, wie es weitergeht.

Maria Zwick stärkt sich vor Beginn der HV mit Kaffee und einer Leberkässemmel. "Schuld sind die Engländer selbst", sagt die resolute Niederbayerin über das Rover-Desaster. "Hätten die so mitgezogen wie wir, hätte das geklappt." Ihren richtigen Namen möchte sie allerdings lieber nicht genannt haben. "Der Milberg wird das schon schaffen", glaubt ihr Mann. Karl Ruehlmann sieht das anders. "Der Milberg wird Schläge kriegen", sagt der 68-jährige pensionierte Buchhalter aus München. Sein Hauptinteresse gilt einer "guten Dividende". Ruehlmann fährt einen Ford Escort, "fürs Image brauche ich keinen BMW".

An der Stimmenmacht der Quandts kommt keiner vorbei Während Aufsichtsratschef Volker Doppelfeld mit 20-minütiger Verspätung die Hauptversammlung eröffnet, stehen immer noch Hunderte von Aktionären an den Eingangskontrollen. Die Organisatoren haben den Ansturm offenbar unterschätzt, gut 4500 Anteilseigner sind durch die Schlagzeilen aufgeschreckt, beim letzten Mal waren es 1000 weniger. Die drei wichtigsten Aktionäre sind auch gekommen: die Quandts. Zusammen halten sie fast die Hälfte des stimmberechtigten Kapitals. Mutter Johanna Quandt sitzt in der ersten Reihe im Saal, Tochter und Sohn haben als Aufsichtsräte auf dem Podium Platz genommen. Im Namen der Familie beantwortet Doppelfeld gleich eine Frage, die überhaupt noch nicht gestellt wurde, aber seit über einem Jahr nahezu im Wochenabstand Anlass zu Spekulationen gibt: "Bei der Familie Quandt gibt es keinerlei Überlegungen zum Verkauf ihrer Anteile an BMW." Die Kleinaktionäre applaudieren.

Eigentlich könnte man die Hauptversammlung jetzt im kleinen Kreis fortsetzen, denn allein die Stimmenmacht der Quandts kann alle Abstimmungen entscheiden.

Doch der Hauptdarsteller kommt erst jetzt: "Professor Milberg". Der 57-jährige Produktionsexperte, der seinen Lehrstuhl an der TU München 1993 verließ, um die BMW-Fabriken auf Vordermann zu bringen, muss heute Stärke zeigen.

"Dilettantismus" musste sich Milberg vor der HV von Aktionärsvertretern vorwerfen lassen, nachdem der angekündigte Verkauf der Rover-Fabrik in Longbridge an den britischen Risikofonds Alchemy überraschend in letzter Minute gescheitert war. Seit die BMW-Führung am 17. März einen Salto rückwärts in ihrer Strategie angekündigt hatte - Abschied von Rover und Land Rover und stattdessen Ausbau der Stammmarke BMW durch kleinere Modelle -, war die Kritik ohnehin nicht mehr verstummt. Da der Vorstand noch wenige Tage zuvor öffentlich sein langfristiges commitment (Milberg) für Rover bekräftigt hatte, sprach der britische Wirtschaftsminister von "unehrenhaftem Verhalten". In deutschen Medien entfachte Milberg eine Debatte, ob Manager lügen dürfen. Darüber ist Milberg jetzt "bestürzt". Die Süddeutsche Zeitung forderte seinen Rücktritt. Ein anderes Blatt verkündete, seine Ablösung zum Juni sei schon beschlossene Sache. Als wahrscheinlichster Nachfolger wurde Porsche-Sanierer Wendelin Wiedeking genannt.

Milbergs Redemanuskript umfasst 46 Seiten. Gut eine Stunde spricht er.