Bist du eigentlich abergläubisch? Sicherheitshalber verlange ich von dir einen Pfennig. Und dafür bekommst du dann mein Mitbringsel: ein unansehnliches Paket in Zeitungspapier. Eingewickelt darin findest du nichts als ein sichelförmiges Messer mit einem Hornschaft. Messer zerschneiden die Freundschaft, heißt es, deswegen dürfe man sie nicht verschenken, nur verkaufen. Schließlich finden sich die besten Messerschmiede dort, wo die schärfsten Schwerter geschmiedet wurden. Und die rund 500 Jahre unter maurischer Herrschaft waren auch so gesehen ein einschneidendes Erlebnis für die Mallorquiner. Das weiß, wer hier Kaninchen mit Schokoladensauce oder Meerbarbe mit Kaffee gegessen hat. Oder wer in Llucmajor ein Messer kauft.

Llucmajor liegt ungefähr 25 Kilometer südöstlich von Palma, an der Straße nach Santany. Früher haben sie hier mal mit ihren handgefertigten Schuhen Geld gemacht - deswegen steht dort ein Schuhmacherdenkmal. Ich würde ein Messerschmieddenkmal für José Ordinas danebenstellen, der in der dunklen Calle dø Es Vall Nr. 128 seinen Laden hat. Das Vertrauenerweckende an seinem Laden ist, dass er innen einer Höhle gleicht. Absolut nicht touristentauglich: unübersichtlich, voll gestopft, seit hundert Jahren nicht mehr gestrichen und trotzdem frei von Trödelromantik. José ist nicht nur auf sein Handwerk stolz, sondern auch darauf, wie viele Kunden er zufrieden stellt: Schafzüchter mit Schafschurmessern, Schweinemetzger mit Schlachtmessern, Hausfrauen und Köche mit Küchenmessern, Gärtner mit Hacken, Bauern mit Sensen, Zimmerleute mit Äxten und Beilen.

Und in jede der Klingen aus handgeschmiedetem rostenden Stahl stanzt José Ordinas seinen Namen ein. Der Scharfmacher von Llucmajor hat ein mildes Lächeln, aber wenn du mit einem dieser Messer schneidest, kapierst du, was es heißt, einer Sache den letzten Schliff zu geben. Auf den, sagt der Kunstmeister, komme es an ganz dünn muss die Klinge an der Schneide sein, erst recht die des Messers, das ich dir mitgebracht habe. Es heißt Trinxat und dient als Brotmesser. Nicht für eine Baguette oder ein Fünfkornvitalsportivbrot, sondern für ein altbackenes Graubrot.

Das hält sich der Koch vor den Leib und säbelt mit dem Sichelmesser hauchdünne Scheiben ab. Und die kommen dann in eines der Gerichte, die Mallorcas Küche reich machen: in ein Armeleutegericht. Sopas mallorquinas sind Eintöpfe, die aus den Gemüsen der Saison bestehen - Kohl, Zwiebel und Knoblauch gehören fast immer dazu - manchmal kommt noch Sobrasada rein, die rote Paprikaschweinswurst, oder Botifaron, die Blutwurst mit Pinienkernen.

Absolut unentbehrlich aber sind die trockenen Brotscheiben, damit das Ganze nicht zu dünn gerät.

Erfunden haben diese Suppen übrigens die spanischen Juden, weil sie den Topf am Freitag aufs Feuer setzten und ihn am Sabbat nur noch herunternehmen mussten. Wenn du als getaufter Christ dir mit dem Messer, das den Muslimen zu verdanken ist, das Brot in die jüdische Suppe schneidest, schärft das vielleicht deinen Blick für Mallorca.