Gerhard Schulze: Kulissen des Glücks. Streifzüge durch die Eventkultur

Campus Verlag, Frankfurt am Main 1999

112 S., 29,80 DM

Wenn Kulturkritiker eines gelernt haben, dann dies: Sie sind überflüssig.

Banalitäten wie Big Brother oder Fett in Strapsen, "Wa(h)re Liebe oder Ich gehe fremd lassen sich nicht kritisieren, weil die Kritik längst Bestandteil dessen ist, was sie verwirft. Weil der Kulturkritiker über keine Wahrheit mehr verfügt, auf die er sich noch berufen könnte, sind - so der Bamberger Soziologe Gerhard Schulze in seiner Essaysammlung Kulissen des Glücks - "die altgewohnten Attacken auf die Kulturindustrie" steril geworden.

Wo Fundamentalkritik passé ist, bleibt nur dichte Beschreibung. Als Ethnologe des Alltags unternimmt Schulze, anfangs klaglos, "Streifzüge durch die Eventkultur", betrachtet den fanatischen "Glücksdiskurs", erkennt einen "gereiften Relativismus" in der Lifestyle-Kultur, schreibt über Potenz- und Jugendterror und andere "Module des Menschseins". Doch dann gerät der Beobachter über die kollektive Flucht vor der Einsamkeit ins Staunen, wundert sich über den banalisierten Gebrauch der Lüste und all die unmenschlichen Anstrengungen, ein eigenes "Ich" zu sein. Und noch während er verklemmten Enthemmungstherapien nachspürt, wird Schulze Vertreter einer Spezies, der er gerade noch die Totenglocke geläutet hatte. Liebenswürdig inkonsequent gerät er in Widerspruch zu seiner Ausgangsthese und verwandelt sich in einen schwermütigen Kulturkritiker, dem die postmoderne Gleichgültigkeit nicht gleichgültig ist: "Politik, Religion, kultureller Eigensinn - alles wird zum Badesalz von Menschen, die mal in diesen, mal in jenen Whirlpool steigen."

Warum nicht alles der Eventindustrie zur Verflüssigung überlassen bleiben dürfe, sagt er im letzten Kapitel. Schulze rechnet nämlich noch mit dem reflexiven Subjekt, dem "Menschen aus Fleisch und Blut", der nachdenklich sein Leben in "Bilderketten" interpretiert, die selbst nicht banal sein dürfen. In solchen Augenblicken beginne das Subjekt, auf eine andere Weise in der Welt zu sein. So gibt es sie also doch, die Unterscheidungen, doch nicht als ewige Wahrheiten, sondern als reversible Selbstkritik unserer Lebensformen.