Stecken Deutschland und Amerika in einer Beziehungskrise? In den vergangenen Wochen war immer wieder davon die Rede - auch in der ZEIT. Den Anlass bot zunächst das Tauziehen bei der Besetzung des Spitzenjobs im Internationalen Währungsfonds. Jetzt füllen Meinungsunterschiede über ein neues amerikanisches Raketenabwehrsystem die Schlagzeilen.

Krach mit Amerika? Ich teile diese Einschätzung nicht. Was immer auch in der Hitze des Gefechts um den IWF-Chefposten gesagt worden sein mag - und erinnern wir uns, mit welcher Härte andere große Nationen bei der Besetzung der Spitzenpositionen wichtiger internationaler Organisationen wie zuletzt der WTO für ihre Kandidaten gekämpft haben -, die deutsch-amerikanischen Beziehungen sind in ihrer Substanz solide. Sie können und müssen solche Interessengegensätze aushalten und letztlich lösen.

Natürlich hat der Fall der Berliner Mauer die Partnerschaft über den Atlantik hinweg nicht unberührt gelassen. Er hat sie entemotionalisiert und damit versachlicht. Wir sind heute nicht mehr in erster Linie durch eine gemeinsame Bedrohung, sondern durch eine Vielfalt übereinstimmender Interessen und globaler Herausforderungen verbunden. Die transatlantischen Beziehungen befinden sich in einem tiefgreifenden Strukturwandel.

Meine Erfahrung als deutscher Botschafter in den Vereinigten Staaten lehrt mich: Amerika bleibt an Europa interessiert. Europa ist im Bewusstsein der amerikanischen Eliten - trotz der gewachsenen Bedeutung Asiens - unverändert das vorrangige Feld des eigenen außenpolitischen Engagements. Die USA sind Freund und Förderer der europäischen Integration, weil die EU, anders als es eine Vielzahl europäischer Mittel- und Kleinstaaten je könnte, politische Stabilität und Berechenbarkeit mit einem großräumigen (Absatz-)Markt verbindet. Darüber hinaus wirkt schon die bloße EU-Beitrittsperspektive bis weit nach Osteuropa, in den Balkan und die Türkei hinein stabilisierend, auch dies liegt ganz im amerikanischen Interesse. Die USA sehen und akzeptieren, dass Europa durch Binnenmarkt und Euro zu einem wirtschaftlich fast gleich mächtigen Partner - und Konkurrenten - herangewachsen ist. Sie erkennen zudem, dass Europa allmählich auch politisch zu einer gemeinsamen Sprache findet und sich anschickt, militärisch mehr Verantwortung zu übernehmen. Die amerikanische Verunsicherung über Europas Bemühungen, eine eigene Sicherheits- und Verteidigungspolitik zu entwickeln, ist nicht Ausdruck einer Krise im transatlantischen Verhältnis. Im Gegenteil, sie demonstriert die Bedeutung, die die USA dem Nordatlantischen Bündnis und ihrem Engagement in Europa beimessen. Europa als eigenständiger Partner wird in den USA heute ernster genommen denn je zuvor.

In Europa ist soziale Sicherheit wichtiger als in den USA

Die USA wissen, dass sie auf Europa angewiesen bleiben. Die Agenda gemeinsamer transatlantischer Themen ist umfangreicher und breiter geworden.

Die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts wie Bevölkerungsexplosion, Unterernährung, Umweltzerstörung, Klimawandel, Proliferation von Massenvernichtungswaffen, Drogenhandel und Terrorismus - um nur einige zu nennen - lassen sich, wenn überhaupt, nur im Schulterschluss meistern. Die strategische Partnerschaft über den Atlantik hinweg ist weder für die USA noch für Europa durch Gleichwertiges zu ersetzen.