Wer glaubt, Manifeste müssten an Kirchenportalen angeschlagen oder wenigstens auf Web-Seiten präsentiert werden, sieht sich dieser Tage eines Besseren belehrt. Auch Fachzeitschriften können ihnen als Forum dienen. Aus Anlass des 25-jährigen Bestehens der Allgemeinen Zeitschrift für Philosophie hat der Berliner Philosoph Günter Abel ein Thesenpapier veröffentlicht, das der gelehrten Welt ein fünffaches Weder-noch entgegenhält, um sie vor einer Verirrung in gleich zehn Sackgassen des Denkens zu bewahren. Weder Absolutheitsanspruch noch Relativismus, Weder Materialismus noch Mentalismus, Weder Internalismus noch Externalismus, Weder Kognitivismus noch Praktizismus, Weder Letztbegründung noch Partikularismus - so lauten die programmatischen Überschriften. Für die Philosophie sei es an der Zeit, sich in allen ihren Grunddisziplinen - in der Sprachphilosophie nicht weniger als der Theorie des Geistes, in der Ethik nicht weniger als in der Ästhetik - von dem "Würgegriff" überlieferter Dichotomien zu befreien.

So weit werden viele zustimmen können - und insoweit hätte es keiner neuen Deklaration bedurft. Denn es ist unter Berufsphilosophen nahezu ein Volkssport geworden, auf allen Gebieten zwischen "Essentialismus und Relativismus" hindurchzukommen, also die Suche nach einem letzten Wesen der Dinge aufzugeben und doch eine hohe Verbindlichkeit des Wissens und Wollens zu sichern. Die Preisfrage aber lautet, wie das geschehen kann. Hier hat Abel eine originelle Antwort parat, einfach deshalb, weil er versichert, auf alle Fragen eine Antwort parat zu haben. Es ist der Weg einer "Interpretationsphilosophie", wie Abel sein eigenes Philosophieren nennt.

In seinen zahlreichen Publikationen (zuletzt: Sprache, Zeichen, Interpretation, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1999) versucht Abel zu zeigen, dass alle Weltverhältnisse immer bereits Interpretationsverhältnisse sind. Von Welt und Wirklichkeit kann demnach nur so die Rede sein, wie sie von uns auf unterschiedlichen Stufen angeeignet, gesehen, gedeutet wird. Wir haben die äußere Welt, uns selbst und die anderen längst so und so aufgefasst, bevor wir mit unseren Orientierungen in Schwierigkeiten geraten können. Daher, sagt Abel, gibt es keinen Raum für eine tief liegende Kluft zwischen Subjekt und Objekt, Sprache und Welt, Geist und Materie, Ego und Alter - und damit keine Basis für die klassischen Alternativen, in die sich das Nachdenken über alle diese Verhältnisse aufgespalten hat.

Jedoch wird diese elegante Lösung nur erreicht, weil Abel den Begriff der Wirklichkeit mit dem einer begrifflich bestimmten Wirklichkeit gleichsetzt.

Das Wirkliche aber ist gerade dadurch gekennzeichnet, dass es unser theoretisches und praktisches Bestimmen vielfach überschreiten und übersteigen kann. Sosehr es durch uns vielfach bestimmbar ist, so wenig darf es auf eine Funktion unserer Bestimmungen reduziert werden. Außerdem muss Abel zugestehen, dass alles Interpretieren auf Leistungen basiert, die selber nicht den Charakter einer Deutung haben. "Wenn man ein Zeichen versteht, dann deutet man es und erklärt es nicht

man versteht es." Auch dieses "direkte Verstehen" noch als eine Interpretation zu fassen führt zu einer Aushöhlung des zentralen Begriffs. Am Boden dieser Philosophie steht ein handfester Pragmatismus, der dem von Nietzsche inspirierten Imperialismus des Interpretierens den Boden entzieht.

Unabhängig von diesen internen Problemen aber lässt sich zweifeln, ob grundsätzlich die Aussicht besteht, mit einem noch so genialen Gedanken durch alle Klippen des Philosophierens auf einmal hindurchsteuern zu können. Über weite Strecken liefert Abel ein kompetentes Referat gegenwärtiger Diskussionen, um dann jeweils "die Interpretationsphilosophie" in Stellung zu bringen. Daraus ergibt sich mancher erhellende Hinweis, aber keine wirklich überraschende Einsicht. Denn ein Denken, das meint, im Besitz eines Universalschlüssels zu sein, schließt umstürzende Antworten von vornherein aus - Antworten, von denen nicht absehbar ist, wohin sie einmal führen werden. Das Abenteuer der Philosophie fängt richtig erst an, wo der Schlüssel verloren geht.