Wissenschaft ist die Suche nach dem, was wirklich ist. Früher glaubten die Menschen, die Sonne drehe sich um die Erde - bis ihnen die Astronomen die Wahrheit sagten. Heute streiten Journalisten und Politiker darüber, ob uns die Arbeit ausgeht oder Vollbeschäftigung wiederkehrt. Ob freier Welthandel Reichtum oder Ausbeutung verspricht. Ob die Europäische Zentralbank die Zinsen weiter erhöhen soll oder ob es höchste Zeit ist, sie zu senken. Aber wer sagt uns die Wahrheit?

Paul Krugman. Jedenfalls behauptet er das. Krugman ist Wissenschaftler, er ist Ökonom. In seinem neuen Buch schreibt der Amerikaner, er habe beobachtet, dass Leute, die von Ökonomie nichts verstünden, ständig "Geschwätz der haltlosesten Sorte" absonderten. Und weil niemand klarstelle, wie es sich wirklich verhält mit der Wirtschaft, bleibe ihm, Krugman, "nichts anderes übrig, als selbst zur Feder zu greifen". Zumindest Letzteres ist ein bisschen geschummelt. Krugmans Buch ist eine Sammlung bereits veröffentlichter Aufsätze. Der Autor konnte die Feder also im Tintenfass lassen - er musste nur ein wenig im Archiv blättern. Der Titel klingt deshalb nicht weniger ambitioniert: Schmalspurökonomie. Die 27 populärsten Irrtümer über Wirtschaft.

Zum Beispiel die Ansicht, durch Rationalisierung und Computerisierung würden Arbeitsplätze vernichtet. Irrtum (Nummer eins), sagt Krugman, anderswo entstünden dafür neue Jobs. Arbeitslosigkeit habe nur eine Ursache, nämlich konjunkturelle Tiefs, und die könne die Zentralbank durch niedrige Zinsen leicht beseitigen. Aber die Empirie! - möchte man da rufen. Was ist mit der Tatsache, dass sich das Arbeitsvolumen in Deutschland seit den sechziger Jahren verringert, über alle konjunkturellen Auf- und Abschwünge hinweg? Für Paul Krugman spielt das keine Rolle. Ökonomie, schreibt er, sei "ein Spielfeld für Gedankenexperimente, mit deren Hilfe sich die Logik wirtschaftlicher Prozesse in einfacher Form darstellen und auf den Punkt bringen läßt".

Logik also, keine Empirie. Logik? Ein paar Seiten weiter attackiert Krugman die alte angebotstheoretische Doktrin, wonach höhere Steuern zu niedrigerem Wirtschaftswachstum führen. Irrtum (Nummer sechs), sagt er und versucht das mit dem Verweis auf Bill Clinton zu stützen. Der amerikanische Präsident nämlich hatte 1993 die Steuern auf die oberen Einkommen erhöht. Die Wirtschaft aber sei trotzdem gewachsen, die Angebotsdoktrin damit widerlegt.

Empirisch ist das interessant, ein logisches Argument aber ist es nicht. Nur weil die Wirtschaft in diesem Fall trotz Steuererhöhungen wuchs, muss es in der Zukunft nicht genauso sein. Nur weil im vergangenen Sommer das Wetter schlecht war, muss es im nächsten August nicht wieder regnen.

So geht das durch das ganze Buch. Egal ob der Goldstandard (Irrtum Nummer neun) das Thema ist, die Ursache von Konjunkturschwankungen (Irrtum Nummer elf) oder die Kosten der Inflation (Irrtum Nummer 15) - einmal zieht Krugman die Theorie als Argument heran, ein andermal ökonomische Daten, je nachdem, was besser passt. Krugman vereinfacht, und manches vergisst er auch. Weil er trotzdem nicht auf scharfe Urteile verzichtet, bekommt sein Buch einen rechthaberischen Ton, der zeitweilig schwer zu ertragen ist.

Krugman wähnt das Recht auf seiner Seite, weil er die Wissenschaft auf seiner Seite glaubt - den Lehrstoff Tausender Universitäten überall auf der Welt, die Erkenntnisse der Ökonomie. Tatsächlich unterscheidet sich die Ökonomie von anderen Wissenschaften darin, dass ihre Erkenntnisse nicht widerspruchsfrei sind. Eine allgemeine Lehrmeinung gibt es nicht. Was Krugman schreibt, ist nicht Konsens, sondern Neukeynesianismus. Es gibt nicht nur Journalisten und Politiker, die ihm widersprechen würden, sondern auch Wissenschaftler. Manche unter ihnen, wie der Monetarist Milton Friedman oder der Neuklassiker Robert Lucas, haben sogar den Nobelpreis erhalten. Das heißt nicht, dass Krugman nicht womöglich doch die Wahrheit sagt. Man weiß es nur nicht, auch Krugman nicht. Und deshalb sollte er nicht so tun als ob.