Während die schwache Position der Literatur immer schwächer wird und das Fernsehen immer mehr Platz und Lebenszeit beansprucht (sechs Stunden sollen Amerikaner im Durchschnitt jeden Tag verdrücken, nicht mitgerechnet wahrscheinlich noch das tägliche Studium der Börsenkurse, aber das ändert nichts an der Lebendigkeit der amerikanischen Literatur, nur die Rezeptoren sind halt überlastet), während also Fernsehen und Börsenstudium allmählich den Charakter von Arbeit annehmen, erscheint bei uns ein B uch mit dem Titel Enthusiasten der Literatur. Der Briefwechsel zwischen Golo Mann und Marcel Reich-Ranicki.

Der Titel ist allerdings, leider, etwas irreführend, weil in den Briefen (ein kleiner Teil von Golo Manns Briefen ist vor ein paar Jahren schon einmal in einem Band mit Briefen an Reich-Ranicki abgedruckt worden) kaum je enthusiastisch von Literatur geredet wird und weil einem - wenigstens mir - Reich-Ranickis salbadernder Tonfall manchmal mächtig auf die Nerven geht: "Ganz besonders schätze ich den Mann, der, wie allgemein gesagt wird, die zentrale Rolle in dieser Akademie spielt, nämlich unser en verehrten Freund Dolf Sternberger. Ich halte Sternberger für einen ganz außerordentlichen Schriftsteller." Das sind eine Menge Kratzfüße für zwei Sätze.

Marcel Reich-Ranicki hat allerdings Golo Mann von Beginn ihrer Bekanntschaft an enthusiastisch umworben und zum Schreiben für die FAZ animiert. Es gibt fast keinen Brief in dieser Sammlung, in dem er nicht einen Vorschlag macht oder um einen Text bittet. Das ist schön, das liest man gerne. Dieser gloriose Vogel kann nicht nur erniedrigen und beleidigen, er ist doch auch, manchmal wenigstens, ein beachtlicher Animierer und nicht bloß ein Animateur in dieser Fernsehsendung da.

Manchmal allerdings übertreibt er es. Als Golo Mann ihm einmal schreibt, er müsse vor dem Bremer-Tabakskollegium (was immer das ist) einen Vortrag mit dem Titel Die Deutschen und das Meer halten, reagiert Reich-Ranicki mit einem kabarettreifen Satz: "Die Deutschen und das Meer, das ist ein Thema, das natürlich auch die F.A.Z. interessiert." Wen auch sonst? Golo Mann antwortet auf seine noble Weise, verweigert das Manuskript: "Es muß nicht alles gedruckt werden, was man so zu reden gezwungen wird. Der Brief in der Weltliteratur, dies Thema ginge zur äußersten Not noch an. Die Deutschen und das Meer geht eigentlich nicht mehr an. Was wird mein nächstes Thema sein?

Die Europäer und die Kultur? Oder Der Mensch und das Tier?"

In diesem Zusammenhang definiert Reich-Ranicki - enthusiastisch - auch die Geschäftsgrundlage im Verhältnis FAZ/Golo Mann: "Mit anderen Worten: was immer Sie machen wollen, wir möchten es drucken. Und obwohl ich grundsätzlich und ein für allemal keine Katzen im Sack kaufen möchte - Ihre Katzen sind wir sogar im geschlossenen Sack zu kaufen bereit."

Was Marcel Reich-Ranicki in seinen Briefen schreibt, war für Golo Mann sicher sehr erfreulich und ermutigend, für den außenstehenden Leser ist es ohne größeres Interesse. Im Verhältnis Autor/Redakteur ist wahrscheinlich immer der Autor der Gebende, der Plädierende, der Argumentierende, der Erzählende.