Oben der Chef, unten die Befehlsempfänger: So funktionierten Organisationen bis zum Ende des 20. Jahrhunderts. Doch mit dem industriellen Zeitalter verabschiedet sich die klassische Hierarchie in Wirtschaft und Gesellschaft. Hier erhalten die Mitarbeiter immer mehr Freiheiten, um schneller auf Märkte und Kunden reagieren zu können. Dort zerfallen die klassischen Formen der Einflussnahme von oben - ob Wohlfahrtssystem, Verbändestaat oder Parteistrukturen.

Also jeder Erwerbstätige, jeder Bürger für sich? Wohl kaum. Menschen brauchen Routine, Stabilität, Gemeinschaft. Nur dass eine neue Ordnung nicht mehr dekretiert wird, sondern aus der Mitte der Gesellschaft erwächst. Kreative Neuerer sind schon am Werk, der Staat muss ihnen Freiheit gewähren.

Gleichzeitig sollen Elternhaus und Schule junge Menschen wieder zur Gemeinschaftsfähigkeit erziehen, ihnen Tugenden wie Selbstbeherrschung und Werte wie Fairness vermitteln, damit sie die neue, auf Engagement des Einzelnen angewiesene Gesellschaft unterstützen.

Die Begriffe sind altmodisch, der Inhalt nicht. Reinhard Mohn hat aufgeschrieben, was er in dieser Situation vermisst: Führung. Und was der große, alte Mann von Bertelsmann zu sagen hat, ist absolut modern: Menschen wollen heute ihr Leben gestalten, sich in der Gemeinschaft engagieren - und erwarten dafür "vor allem Gerechtigkeit". Nichts ist für ihre Motivation wichtiger als das Verhalten des nächsten Vorgesetzten. Die Chefs von heute sollen beraten, helfen, loben, statt selbstherrlich über andere zu verfügen.

Und sie sollen den ganzen Betrieb möglichst transparent gestalten.

Die Menschen machen lassen, aber so, dass sie im Sinne des Ganzen aktiv sind.

Das ist die Kunst. Das Eigentum am Unternehmen, findet Mohn, befähige noch lange nicht zur Führung. Vielmehr müsse Führungsnachwuchs systematisch gesucht und geschult werden.