"Sie nahm ihr Gefühl nach innen. Sie bemitleidete sich nicht selbst und verlangte auch kein Mitleid vom Zuschauer." Dieses Für-sich-Sein noch in höchster Emotion, wie Herbert Ihering es an ihr wahrnahm, dieses Nüchterne, Helle im Herzbewegenden, Kämpferischen hat ihr Spiel ausgemacht. Es hat ihre Frauenrollen von Schiller bis Shaw, von Ibsen bis Schnitzler und O'Neill geprägt, hat ihr das Entzücken eines Thomas Mann, eines Alfred Kerr ("Nur das Wort wunderbar ist möglich") und die Huld der Regisseure von Max Reinhardt bis Fritz Kortner eingebracht. Paula Wessely oder: die Kunst der Natürlichkeit, das Wunder einer Stimme, sechs Jahrzehnte einer unvergleichlichen Bühnenkarriere zwischen Wien und Berlin. Der Unterhaltungsfilm (Maskerade) hat sie populär, das NS-Kino (Heimkehr) zur deutschen Dulderin und Durchhalterin gemacht - ihre Scham darüber hat sie, spät, bekundet. Längst war "die" Wessely eine Legende, die Ikone eines Theaterjahrhunderts, als sie jetzt, 93-jährig, in ihrer Heimatstadt Wien starb.