In den siebziger Jahren lebten in Berlin ein paar böse Buben, die sich einen Spaß daraus machten, die braven Bürger mit garstigen Liedern zu erschrecken. "Macht kaputt, was euch kaputt macht", sangen sie und forderten unverhohlen zum Schwarzfahren in der U-Bahn auf. Aber die Flegeljahre währten nicht lange. Schon bald begannen die Jungs, die sich Ton, Steine, Scherben nannten, sich ernsthafteren Dingen zuzuwenden. Insbesondere den Karten des Tarotspiels, die sie danach befragten, welche Musik sie fürderhin machen sollten. Dank der Karten fanden die Buben auf den rechten Weg zurück und verkauften viele Platten. Und einer von ihnen wurde mit dem Titel Wenn ich König von Deutschland wär sogar ein Star. Dabei war es damals noch keineswegs selbstverständlich, übersinnliche Kräfte um Rat zu fragen. Wer zu Hellsehern oder Traumdeutern ging, galt als geistig beschränkt, als einfältiger Naivling. Doch das ist vorbei. Heute sind die Menschen aufgeklärt. Kaum eine Entscheidung wird noch getroffen, ohne sich vorher darüber zu informieren, was genau die Zukunft bringt. Ganz besonders im Geschäftsleben.

Bei den Banken sind Heerscharen hoch bezahlter Auguren damit beschäftigt, Börsentrends, Zinsen und Wechselkurse vorauszusagen. Wenn auch mit zweifelhaftem Erfolg. Aber das sollte niemanden irritieren. Vermutlich liegt das daran, dass die Möglichkeiten der Wahrsagerei nicht voll ausgeschöpft werden. Die meisten Börsenseher beherrschen nur die so genannte Chart-Technik, eine Abart der Geomantie. Darunter versteht man die alte asiatische Kunst, aus Linien und geometrischen Figuren in die Zukunft zu sehen. Heute geschieht dies mithilfe von Computern, in die man Kurse, Umsätze und andere Ziffern eintippt. Auf dem Bildschirm erscheinen dann geheimnisvolle Linien und Formen in bunten Farben. Das sieht schön aus. Aber die Wahrsagerei bietet noch viele weitere Techniken, die von den Banken leider kaum genutzt werden. So könnte man zum Beispiel einem Hund den Bauch aufschlitzen und sich seine Leber anschauen, wenn man mehr über die Zukunft wissen will. Aber dazu braucht man gut ausgebildete Experten. Und die sollte man nicht durch eine Green Card importieren, sondern selber heranziehen. So wie dies in den Staaten geschieht, die uns auch hier wieder einmal weit voraus sind. In New York schult man zum Beispiel Wohlfahrtsempfänger zu Wahrsagern um. Ob dabei auch das Lesen von Innereien gelehrt wird, ist nicht bekannt. Das Legen von Tarotkarten gehört aber zum Lehrplan. Und warum sollten Börsianer von den Karten nicht genauso profitieren wie damals die bösen Buben?