Viele Europäer sind stark verunsichert, jetzt will ihnen Joschka Fischer Orientierung geben. Was schwebt ihm vor? Nichts Geringeres, als dass Deutschland, Frankreich und andere EU-Länder einen Bundesstaat bilden: Die Föderation hätte einen vom Volk gewählten Präsidenten, ein starkes Parlament, eine Verfassung. Fischer hat am vorigen Freitag in Berlin die wichtigste Rede gehalten, die er in seiner Zeit als Außenminister je hielt.

Schade nur, dass er bloß als "deutscher Parlamentarier" sprach, bewusst nicht als Außenminister. Er sagte und wiederholte, "dass ich jetzt den ,Außenminister' weit hinter mir lasse". Gäbe es heute die EU, wenn der französische Gründervater und Außenminister Robert Schuman vor 50 Jahren seine Pläne als halb private Meinung verkündet hätte?

Die Episode zeigt Europas größte Schwäche: die Führungsschwäche. Joschka Fischer will mehr, als der Außenminister kann und der Kanzler möchte. Gerhard Schröder hat nie wirklich zu seinen allerwichtigsten Partnern gefunden, den Franzosen Jacques Chirac und Lionel Jospin. Ganz große Europäer wollen alle drei nicht sein, sie haben andere Prioritäten, nicht ein einziges europäisches Vorhaben verbindet sich mit ihren Namen.

Wahrlich eine Beziehungskiste: Das alte, oft erfolgreiche deutschfranzösische Paar, bestehend aus dem Kanzler und dem Président de la République, ist zum Dauerdreieck mit dem Premierminister geworden - die Franzosen mit ihrer Sehnsucht nach Konsens lieben diese "Kohabitation" heiß. Das Zusammenspiel zwischen Paris und Berlin vereinfacht sie nicht.

Obendrein zählen derzeit Tony Blair und José Mara Aznar zu den stärksten Regierungschefs der EU der Brite vertritt ein Volk von Neinsagern, und die Spanier sind in Brüssel mehr Teppichhändler als Gestalter. Das hilft nicht.

Führung in Europa wird auch sonst schwieriger, aus einer ganzen Reihe von Gründen. Die EU ist und wird größer. Sie hat zu viele Aufgaben. Ihre Institutionen sind nicht mehr zeitgemäß. Brüssel ist der Sündenbock vom Dienst für feige oder populistische nationale Politiker. Anders als früher hat mancher Bürger den (oft falschen) Eindruck, weitere Integration wie etwa die Osterweiterung bringe ihm mehr Nachteile als Vorteile. Die Pionierphase, als den Bürgern der Aufbau der EU wichtiger war als ihre demokratische Legitimation, ist vorbei. Nach dem Kalten Krieg ist der Außendruck, sich unter den Westeuropäern zu einigen, geringer. Schließlich: Die EU-Methode, dank wirtschaftlicher auch politische Fortschritte zu machen, hat bald ausgedient. Jetzt geht's, zumal beim Aufbau einer Armee und bei EU-Reformen, immer öfter um rein politische Pläne.

Zum Beispiel der neue Plan einer Föderation: Der grüne Abgeordnete Fischer - nicht gerade ein Hinterbänkler - hat mit der Radikalität, die ihm eigen ist, den alten Gedanken und die bewährte Praxis eines "Europas der verschiedenen Geschwindigkeiten" zu Ende gedacht - anfangs zählten nur elf zu Euroland, schufen nur sechs Staaten die Grenzkontrollen ab. Wie viele gesellen sich dereinst zu Fischers Föderation?