Wie schön ist es, wenn der Literaturkritiker etwas mehrfach Vorhandenes und zugleich Neues findet. Da ist der Jubel groß: eine Tendenz! Höhepunkt des Kritikers: eine Tendenz entdeckt und mit Namen versehen zu haben.

Aber wer macht sie, die Tendenz: die Medienkonzerne? Die Lektoren? Vielleicht sogar die Autoren selber? Warum sonst schreiben plötzlich so viele Leute so viele ähnliche Bücher? So exportfähige, so hübsch erzählte? So elastische und flexible? Wer hat sich das ausgedacht? Der Weltgeist, der Zeitgeist?

Man muss sich dem Phänomen am Beispiel eines immer noch aktuellen Falles nähern. Die Tendenz begann eher harmlos. Ein paar junge Autorinnen. Ein Schnupfen. Es zeigten sich weitere Symptome: Immer mehr junge Frauen schreiben Bücher. Die Tendenz verstärkte sich: Immer mehr junge Frauen schrieben lesbare Bücher. Das war schon was.

Da kam der Dr. Spiegel und diagnostizierte: Epidemie. Mit eindeutigen Symptomen. Immer jüngere, immer blondere Frauen schreiben immer lesbarere Bücher. Ein Terminus war "denn auch" schnell gefunden: Fräuleinwunder. Das war überhaupt nicht herabwürdigend, sondern rein medizinisch gemeint. Auch die seriöseren Feuilletons nahmen den Puls, ließen aber die Haarfarbe der Fräuleins weg.

Und in Berlin, wo ja alle wichtigen Dinge geschehen, wo die Tendenzen ("Berlin-Roman") auf der Straße nur so herumliegen, wird jetzt schon zum literarischen Frühstück im gehobenen Warenhaus geladen, damit man sich die "Vorzeige-Girlies im Ego-Express" und die "literarische Antwort auf die Spice Girls" begucken und mal in ihre Werke reinhören kann. Dass die "Girlies" zum Teil weit über 30 und mehrfache Mütter sind, braucht niemanden abzuschrecken.

Die Epidemie kennt kein Ansehen, dafür aber das Aussehen der Person und verschont keine. Das Gerücht, beim Privatfernsehen sei man aufmerksam geworden und plane eine Talkshow (blutjunge Dichterinnen über ihre schönsten Stellen im Gespräch mit Hellmuth Karasek), ist bislang nicht bestätigt worden. Man wird es beizeiten aus Gala erfahren.

Der literarische Gegenschlag ist schon publizistisch dingfest gemacht und abgefrühstückt. Auch damit begann es harmlos: ein paar junge Autoren. Eine kleine Heiserkeit, nicht schlimm, zu viel geraucht wahrscheinlich. Die Steigerung zeigte sich in der Feststellung, dass immer mehr gut gekleidete junge Männer Bücher schreiben. Lesbare Bücher. Die Behauptung, die epidemische Tendenz betreffe nur den niederen Adel, konnte sich nicht halten