Kein Jahr des Ersten Weltkrieges war so dramatisch und so folgenreich wie 1918. Und noch nie sind die turbulenten Ereignisse so anschaulich, aus der Sicht von oben und von unten und mit modernen wissenschaftlichen Methoden dargestellt worden wie in dem neuesten Buch des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes in Potsdam. Es ging hervor aus einem deutsch-französischen Historikerkongress zum 80. Jahrestag des Kriegsendes in Aachen.

Die Aufsätze von 25 Fachleuten, darunter vier Franzosen, drei Briten und ein Österreicher, wurden übersichtlich geordnet: vorneweg die (lange Zeit vernachlässigten) militärischen Operationen an der Westfront, als Filetstück Beschreibungen des Kriegsalltags an der Front und in der Heimat, zum Schluss das unerwartete Kriegsende und die jahrzehntelang unbewältigten Erinnerungen.

Platz war sogar für einen kunsthistorischen Beitrag über den Kriegsmaler und -zeichner Otto Dix (mit 30 Hochglanzabbildungen) und eine Betrachtung der mannigfaltigen Kriegerdenkmäler (Zwischen Trauer und Sanierung).

Nach drei Jahren blutiger, so sinn- wie erfolgloser Schlachten hatten die Völker den Krieg gründlich satt. An ruhigen Tagen verbrüderten sich deutsche und französische Soldaten in den Schützengräben. Vergeblich bemühten sich Politiker der Mitte-links-Parteien und Außenminister von Kühlmann um einen Verständigungsfrieden. Die Oberste Heeresleitung unter Hindenburg und Ludendorff war auf einen Siegfrieden aus. Ehe die amerikanischen Divisionen in Frankreich in die Kämpfe eingriffen, sollte das erstmals an Zahl überlegene deutsche Westheer zum Bewegungskrieg übergehen und die britischen und französischen Armeen vernichtend schlagen. Freilich hatten eine Million Soldaten trotz des Diktatfriedens von Brest-Litowsk im Osten bleiben müssen, weil Ludendorff unbedingt zwischen Murmansk und dem Kaukasus ein deutsches Kolonialimperium errichten wollte. Tatsächlich spielte er im Westen Hasard: Die Lage sei so, "dass wir entweder siegen oder untergehen müssen"!

Die meisten Deutschen wollten die Niederlage nicht wahrhaben Mit einer Begeisterung ohnegleichen, wie man sie seit 1914 nicht mehr erlebt hatte, waren die Soldaten dabei, als am 21. März 1918, zum Frühlingsanfang, drei Armeen mit 1,4 Millionen Mann zur vermeintlich letzten Offensive antraten. Die Gewissheit der Landser: "Es wird und muss glücken", erinnert an die Sprüche im Frühjahr 1945: "Wir werden siegen, weil wir siegen müssen."

Selbst die Berliner Industriearbeiter, die noch im Januar aus Protest gegen Hungersnot und Kriegsverlängerung gestreikt hatten, freuten sich über die ersten Siegesmeldungen. 90 000 Engländer wurden gefangen genommen, und Marschall Haig überlegte schon, ob er sich auf die Kanalhäfen zurückziehen sollte. Erst als der französische Marschall Foch ein gemeinsames alliiertes Oberkommando schuf, besserte sich die Lage. Die Deutschen stießen zwar bis zu 60 Kilometer weit vor, doch, wie Dieter Storz treffend schreibt, "die alliierte Front dehnte sich wie ein Gummiband, riss aber nicht". Noch bis in den Sommer versuchte Ludendorff an anderen Frontabschnitten, in der Champagne und bis zur Marne, den Durchbruch. Alles in allem kosteten die Offensiven etwa eine Million an Gefallenen, Verwundeten und Kranken. Klaus Latzel spricht von der misslungenen Flucht vor dem Tod. Als die Deutschen, ohne Aussicht auf Ersatz, ermüdeten, schlugen die Alliierten zurück.

Die Enttäuschung an der Front und in der Heimat über den verpassten Endsieg war riesengroß. Der Krieg war verloren, doch Ludendorff gestand es sich erst Ende September ein, als er die Regierung zum Waffenstillstandsangebot zu demokratischen Reformen zwang. Aber erst als Matrosen, Soldaten und Arbeiter aufstanden, brach die alte Ordnung zusammen. Der Waffenstillstand am 11.