Wenn Inder vornehmlich als Software-Experten im Gespräch sind und Chinesen als ökologische Risikofaktoren, wenn die Marktgläubigkeit der westlichen Welt zum greifbarsten Gerinnsel von Heilserwartungen wird und über die politische Bedeutung der katholischen Kirche bisweilen in Vergessenheit gerät, wer dem Christentum seinen Namen gab: dann kann es hilfreich sein, einen Band über die Weltreligionen zur Hand zu nehmen und zu erfahren, wes Geistes Kinder die Bürger der Welt sind, die wir heute vorzüglich als konkurrierende Partizipatoren am Markt wahrnehmen.

Der Tübinger katholische Theologe Hans Küng hat nun eine Synthese seiner lebenslangen Bemühung um eine Verständigung der Weltreligionen vorgelegt, das Buch zum Film, zur Fernsehserie, zugleich eine farbenreiche Reise durch die Kulturen und ihre Geschichte, verfasst in weltzugewandten theologischen Worten. Getrieben von der Suche nach einem menschheitsumspannenden Ethos, das im Hinduismus ebenso aufzufinden wäre wie im Buddhismus, im Konfuzianismus wie in den Religionen nahöstlicher Herkunft, des Judentums, Christentums und des Islam, hält Küng am Spezifischen der Religionen fest: nicht Welterklärungen zu geben, wie es die Philosophie vermag, sondern Heilsbotschaften zu verkünden.

Küng will informieren und dazu motivieren, Alternativen zur Entleerung der Religionen durch die Moderne zu suchen. Nicht an der Nivellierung von Differenzen ist ihm gelegen und auch nicht daran, zu einem folkloristischen Instant-Konsum religiöser Angebote zu laden. Sondern daran, die spirituellen Schätze zu bergen, die im Boden der Religionen ruhen, um sie heute als Energiereserven ins Spiel zu bringen. Es kann einem bei der Lektüre schwindlig werden angesichts der Vielfalt von Werten, die knappe Ressourcen der Gegenwart beschreiben und nicht an der Börse notieren: das Mitleid, die Hoffnung, die Gegenseitigkeit, die Güte, die Zuwendung, die Selbstlosigkeit, die Konzentration, das Vertrauen, das Erbarmen. Unerschwingliche Güter allesamt, durch ein Stündchen Krafttraining plus Meditation nicht zu haben.

Aus dem Buch der Lieder, verfasst im chinesischen 8. Jahrhundert vor Christus, zitiert Küng die Klage: "Eltern, habt ihr mich geboren, / damit ich diesen Schmerz erleide? ... Wehe uns! / Woher wird Hilfe kommen?" Aus der Software-Expertise allein, so viel ist sicher, kommt sie nicht.

* Hans Küng: Spurensuche Die Weltreligionen auf dem Weg Piper Verlag, München/Zürich 1999 314 S., 59,- DM