Wer nur mit ihr spricht, könnte irrtümlich annehmen, das ewige Russland habe den Sprung in die Postmoderne gemeistert: Irina Chakamada ist quirlige Unternehmerin, liberale Duma-Abgeordnete, Trägerin ovaler Minibrillen, Tochter einer japanischrussischen Mischehe, schlank und schlicht im Äußeren und dazu auch noch intelligent und selbstbewusst. Starker Tobak für den ewigen russischen Mann und dessen vierschrötige Gattin. In einer Talkshow stellte sich die 45-Jährige jüngst den Fragen von Anrufern. Einer erkundigte sich gereizt nach Chakamadas Ehemann, einem erfolgreichen Unternehmer mit langem Haar. Ein anderer fragte, ob ihr Audi wirklich einen Fernseher habe.

Und eine dritte Anruferin wollte nur etwas loswerden: "Sie sind schön, elegant, Sie haben einen reichen Mann und ein gesundes kleines Kind. Und Sie strahlen vor Glück. Ich hasse Sie!"

Welche Diskrepanz!

Die deutsch-französischen Beziehungen leben nicht zuletzt von hehren Gesten und schönen Worten. Gerade in diesen Tagen, da die EU ihr 50-jähriges Jubiläum feiert, werden die Honoratioren beider Seiten nicht müde, den Mythos des deutsch-französischen Motors zu beschwören. Da nimmt es wunder, dass Frankreichs Premier Lionel Jospin die Keimzelle der institutionalisierten Freundschaft beider Völker, das Deutsch-Französische Jugendwerk, von September an in einen kommunistisch regierten Vorort im Nordosten von Paris abschieben will. Nach Montreuil. Jospin hat sich auf einen Kuhhandel eingelassen: Seine kommunistischen Koalitionspartner wollen die banlieue, in Frankreich Inbegriff für Verwahrlosung und Jugendkriminalität, durch den Umzug der Institution aufwerten. Zum Ausgleich schweigt die KP zu den wirklich brisanten Fragen der französischen Politik. Die deutsche Vertretung des Jugendwerkes soll dagegen von Bad Honnef in eine der ersten Adressen im Berliner Nikolaiviertel ziehen. Welche Diskrepanz! Anfangs musste Kanzler Gerhard Schröder den Franzosen noch gebetsmühlenhaft seine Freundschaft beteuern. Sollte es jetzt Jospin sein, dem es aus innenpolitischen Kalkül am Feingefühl für die lieb gewonnene Symbolik fehlt?