Lärmendes Spektakel im Irrenhaus von Charenton: Der Marquis de Sade, interniert wegen seiner obszönen Schriften, lässt ein Patientenkollektiv die Ermordung des Revolutionsheiligen Jean Paul Marat nachspielen. 1964 schrieb Peter Weiss mit seinem Theater-im-Theater-Stück Marat/Sade gegen die Selbstgefälligkeit der bundesdeutschen Wirtschaftswundergesellschaft an. Der waren blutige Klassenschlachten allenfalls gruselige Reminiszenz an dunkle Vorzeiten, als es noch eine soziale Frage gab. Weiss wiederum wollte nicht wahrhaben, dass sie mausetot ist, seine große Liebe: die Revolution. 36 Jahre, zahllose Blutbäder und weltgeschichtliche Desillusionierungen später, stürzt sich Philip Tiedemann, der junge Oberspielleiter des Berliner Ensembles, noch einmal auf das dialektische Knittelversdrama, in dem der revolutionäre Intellektuelle mit seinen Selbstzweifeln und Größenwahnvorstellungen ringt. In seiner Inszenierung wird Peter Weiss' Kasperletheater der Grausamkeit zum feixenden Abgesang auf den Aberglauben Vernunft. Bei ihm sind alle historischen Katzen durchgeknallt, also grau: Der in seiner Todeswanne plantschende und tobende Marat (Martin Wuttke) ebenso wie der im schwarzen Bademantel phlegmatisch umherschlurfende schwarze Aufklärer de Sade (Thomas Thieme) - und der Rest des Universums sowieso.

Trotz rasanten Spieltempos und szenischer Einfälle am laufenden Meter demonstriert die Berliner Aufführung nur, dass ihr die gesellschaftstheoretischen Geistes- und Seelenqualen der Vorväter von Herzen egal sind: grell zuckender Starrkrampf des Denkens. Obwohl noch in jungen Jahren, scheint Philip Tiedemann schon von jener seltsamen Spielart des Midasfluchs befallen, der auf dem BE lastet: Was immer es zwecks Aufstörung der öffentlichen Ordnung aus der theatralischen Mottenkiste zerrt, zerfällt ihm zu antiquarischem Staub.