Die Schlacht der Badehandtücher um einen Platz in der ersten Reihe am Mittelmeerstrand oder Swimmingpool des Urlaubshotels steht erst in wenigen Wochen bevor, wenn die großen Ferien beginnen. Hinter den Kulissen von Europas Reiseindustrie hat der Kampf um Macht, Größe und Einfluss, um Hotels, Flugzeuge und Reisebüros schon am vergangenen Montag eine neue Dimension erreicht.

Da konnte Preussag-Chef Michael Frenzel die Pose des Siegers gleich doppelt auskosten: morgens am Firmensitz in Hannover, wo er die Übernahme des britischen Tourismusgiganten Thomson Travel ankündigte, und wenige Stunden darauf in London, als er den "Quantensprung" für seine Firma auch den englischen Journalisten verkündete.

Völlig überraschend und quasi auf der Ziellinie hatte er Stefan Pichler, den ehrgeizigen Chef des größten deutschen Wettbewerbers C & N-Touristik (Condor und Neckermann) doch noch ausgebootet. Dieser sah sich mit einem Gebot von gut fünf Milliarden Mark schon am Ziel seiner Träume: sich in England den Marktführer zu schnappen und so endlich auf Tuchfühlung mit der Preussag-Tochter und ewigen Branchenführerin TUI Group zu kommen. Deshalb hatte Pichler sein Gebot immer wieder nachgebessert - zuletzt auf "nur noch aus strategischen Gründen vertretbare" 160 Pence pro Aktie.

Nachdem der C & N-Chef ihm gerade den französischen Reisebürokonzern Havas Voyages vor der Nase wegschnappte, reagierte der nicht minder machtbewusste Frenzel: Mithilfe der Investmentbanker von Goldmann Sachs ließ Frenzel vergangene Woche still und heimlich ein gutes Drittel der Thomson-Aktien von den Firmengründern, dem Management und an der Börse zusammenkaufen.

Thomson-Chef Charles Gurassa empfielt nun seinen Aktionären, zum äußerst großzügigen Stückpreis von 180 Pence pro Aktie zu verkaufen. "Ein absolut fairer Preis", rechtfertigt Frenzel sein Gebot von insgesamt knapp sechs Milliarden Mark, das "durch das strategische Potenzial Thomsons absolut gedeckt ist". Eine Aussage, die Branchenbeobachter und nicht zuletzt der düpierte Pichler "für viel zu optimistisch" halten. Er hatte den eigentlichen Unternehmenswert auf 135 Pence je Aktie taxiert. Fein raus sind die Thomson-Aktionäre, falls sie die Offerte akzeptieren: Der Aktienkurs, der nach Missmanagement und zweistelligen Millionenverlusten auf unter 70 Pence abstürzte, hat sich seit Februar mehr als verdoppelt.

Der Milliardendeal mit Thomson ist nur ein Beispiel für das Monopoly im Reisemarkt, bei dem mit immer größeren Geldkoffern auf Einkaufstour gegangen wird. Die Spielregeln im Reisegewerbe haben sich drastisch geändert, seit die hemdsärmligen Gründergestalten der Nachkriegszeit smarten Managern wie Frenzel oder Pichler Platz machten. Sie verdienen für ihre Unternehmen längst an jedem Baustein der Pauschalreise mit. Von eigenen Reisebüros über ein Sortiment von Veranstaltern, Hotels und Flugzeugen bis zu den Zielgebietsagenturen: dem Kunden wird längst alles aus einer Hand geboten.

Ein Service, der durchaus gefragt ist: buchen, packen, losfahren. Jeder zweite Deutsche lässt sich heute seinen Urlaub von einem Veranstalter organisieren, 1970 war es noch jeder siebte. Und auch in England, Benelux und Skandinavien ziehen die Ferien von der Stange immer mehr Kunden an - vom preiswerten Strandurlaub bis zur hochwertigen Studienreise in die noch so entferntesten Winkel der Welt.