Still und leise hatten die Hyksos eine Schwächeperiode des Mittleren Reiches im 18. Jahrhundert vor Christus genutzt und Ägypten unterwandert. Die Eroberer aus dem Nahen Osten sickerten als Handwerker, Viehzüchter und Söldner in das Land am Nildelta ein, übernahmen Sitten und Kultur und gründeten schließlich ein eigenes von ihnen regiertes Teilreich. Als 200 Jahre später die wieder erstarkten Ägypter die Fremden aus dem Land zu werfen versuchten, setzten sich die Hyksos mit einer neuen, furchtbaren Waffe zur Wehr: Mit schnellen Streitwagen jagten sie dem gegnerischen Fußvolk entgegen.

Während der Wagenlenker sein von zwei Pferden gezogenes Gespann in halsbrecherischer Fahrt auf Kurs hielt, schoss ein im Wagenkorb stehender Bogenschütze auf 200 Meter Distanz seine tödlichen Pfeile ab. Die Schlachten im Nildelta gewannen eine neue, verheerende Qualität.

Doch die neue Waffe konnte die Hyksos nicht retten. Denn auch die Pharaonen des Neuen Reiches begriffen sofort die Bedeutung der Streitwagen, mit deren Hilfe sich die Marschgeschwindigkeit ihrer Heere verzehnfachte. Bald nutzten sie selbst die schnellen Kampfwagen, um ihre imperiale Politik nach Osten und Süden voranzutreiben. Grabungsfunde in Piramesse, der berühmten Hauptstadt Ramses des Großen, belegen Stallungen für mindestens 500 Pferde sowie einen Streitwagenübungsplatz. Durchaus realistisch erscheint damit jene Zahl, die das Alte Testament bei der Verfolgung der Israeliten durch die Ägypter angibt (Exodus 14, 7): 600 Streitwagen konnte der Pharao jederzeit aufbieten.

Jetzt ist das altägyptische Militärfahrzeug im Roemer- und Pelizaeus-Museum in Hildesheim zu besichtigen - als Prunkstück der Ausstellung Schätze aus dem Land der Pharaonen. Zugleich eröffnet das Museum damit einen lange geplanten Neubau mit rund 1800 Quadratmetern zusätzlicher Ausstellungsfläche. Dem Streitwagen ist dabei ein eigener Raum vorbehalten, chronologisch exakt eingeordnet zwischen einem Beamtensarg aus dem Mittleren und mannshohen Skulpturen der löwenköpfigen Göttin Sachmet aus dem Neuen Reich. Das Pelizaeus-Museum will mit seiner Präsentation nicht nur Ausschnitte, sondern einen Überblick über die ideologischen Grundlinien der ägyptischen Kultur vermitteln - einen gelungenen repräsentativen Querschnitt ägyptischer Kultur über 5000 Jahre von der Frühzeit bis in das römische Ägypten.

Im Gegensatz allerdings zu den 240 anderen echten Exponaten ist der Streitwagen ein Musterbeispiel deutscher Tischlereikunst. Denn erstmals wurde das ägyptische Kriegsgerät unter Berücksichtigung neuester Forschungsergebnisse nachgebaut. Die Montage geriet dabei zu einem technikgeschichtlichen Experiment, das Aufschluss über Verarbeitung und Werkstoffe im alten Ägypten gibt.

Warnend stand den Konstrukteuren Freitag & Schulz aus Neustadt am Rübenberge ein schlechtes Vorbild vor Augen. 1829 wurden aus einem Schachtgrab im Tal der Könige die fragmentierten Trümmer eines Streitwagens zutage gefördert. In der historistischen Manie des 19. Jahrhunderts ergänzte man unbekümmert die Reste und schraubte und nagelte zusammen, was nicht zusammengehört. Das kaputtrestaurierte Stück lässt sich in Florenz bewundern. Hildesheim hat den Vorteil 150-jährigen Forscherfleißes und mit der Ägyptologin Anja Herold eine ausgewiesene Expertin in Streitwagenfragen auf seiner Seite.

Wie in den Manufakturen des Pharao legten die deutschen Tischler das für den Bau benötigte Eschenholz wochenlang in Wasser, um es biegsam und mithilfe von Wasserdampf verarbeitungsfähig zu machen. Sämtliche vorhandene Streitwagendarstellungen wurden überprüft, die Ergebnisse mit jenen sechs vollständig erhaltenen Streitwagen abgeglichen, die Howard Carter 1922 im Grab des Tutanchamun fand und die heute im Museum in Kairo stehen.