Paris

Ernst Jünger ist im Pariser Hotel Lutetia ein und aus gegangen. Das war zur Besatzungszeit. Vorher war das Lutetia Treffpunkt der deutschen Emigranten, nachher Durchgangsstation für Franzosen, die von der Zwangsarbeit oder aus den Konzentrationslagern in Deutschland zurückkamen. In diesem Jahr hat das französische Außenministerium ausgerechnet an einem Nationalfeiertag besonderer Art, dem 8. Mai, zu einem kleinen deutschfranzösischen Abendessen ins Lutetia geladen. Zufall? Geschmacklosigkeit? Dickfelligkeit? Oder gute Absicht: ein Zeichen bewältigter Vergangenheit? Nicht ausgeschlossen.

Zwischen Deutschland und Frankreich herrschen seltsame Zeiten. Das Verhältnis der beiden europäischen Kernstaaten ist nicht schlecht, wie immer wieder gern behauptet wird, sondern unklar. Seit 1995, dem Ende der Ära Mitterrand, haben nach und nach fast alle handelnden Personen gewechselt: Staatsoberhäupter, Regierungschefs, Berater und Sachbearbeiter. Unmerklich ist das früher unvermeidliche Wort von der deutsch-französischen "Freundschaft" dem politischen Vokabular entglitten. Seither ist kein neuer Name mit Gefühlswert gefunden worden.

Die "Neugründung" der deutsch-französischen Beziehungen, die der französische Staatspräsident Jacques Chirac im Sommer 1998 gefordert hatte, ist Parole geblieben. Kurz darauf kam es zum Krach um die Kofinanzierung der Agrarpolitik. Die nächste spektakuläre Panne ist gerade erst bewältigt: der Streit um die Besetzung des IWF-Präsidentenposten durch einen Deutschen. Alte Rituale und Institutionen werden fortgeschrieben, als ob sich nichts geändert hätte. Das hält die Beamtenschaft in beiden Staaten auf Trab

nicht schlecht, aber nicht genug. Mangels höherer Ziele sind die halbjährlichen bilateralen Gipfeltreffen inzwischen auf das strikte Zeitminimum von Halbtagsveranstaltungen zusammengestrichen worden. Verzweifelt wird jedes Mal nach neuen Themen und Ideen gesucht. Manchem, der von Amts wegen teilnehmen muss, steht deutlich eine quälende Frage ins Gesicht geschrieben: Was soll das Ganze?

Diese Frage hat "der EU-Bürger Joseph Fischer", wie ein hochrangiger Diplomat in Paris spottete, mit seiner Berliner Rede auf das Programm des großen deutsch-französischen "Seminars" am 19. Mai in Rambouillet gesetzt.

Ursprünglich sollte das informelle Gipfeltreffen zwischen dem französischen Staatspräsidenten, dem Premierminister, dem deutschen Bundeskanzler und den zwei Außenministern vor allem zur Abstimmung im Vorfeld der französischen Ratspräsidentschaft dienen. Chirac, der das Treffen angeregt hat, ist vor allem daran gelegen, keine neuen europapolitischen Verwerfungen in die Innenpolitik hineinzubekommen. Nun sind aber die Erwartungen des gemeinen Publikums hochgeschraubt worden: "Danke schön, Monsieur Fischer" hat etwa Le Monde seinen Leitartikel überschrieben. Der Ton in den anderen französischen Zeitungen war ähnlich.