Nehmen wir einmal an, die Welt, wie wir sie kennen, sei eine Illusion.

Alles außer uns eine gigantische Phantasmagorie oder die Ausgeburt eines perfiden Computerprogramms, das uns - wie in dem Film Matrix - mit künstlichen Bildern am Leben erhält. Und nehmen wir dazu an, unsere Vernunft sei nicht in der Lage, diese Täuschung zu durchschauen. Wir wären Eingeschlossene in einem Gefängnis, das wir nicht erkennen könnten.

Dies ist der Stoff düsterer Zukunftsfilme - und der abendländischen Philosophie. Seit Platons Höhlengleichnis ist das philosophische Denken auf der Suche nach einem Urgrund, der die Wahrheit unserer Weltwahrnehmungen garantiert. Irgendwo, so die Hoffnung, müsse es etwas Absolutes und Unbedingtes geben, das nicht mehr hinterfragbar ist und das letzte Fundament menschlicher Rationalität bildet. Nur so lasse sich verbürgen, dass unsere Wünsche, Meinungen und Überzeugungen nicht willkürliche Erscheinungen, sondern wahre Angelegenheiten unseres eigenen Lebens sind.

Dieter Henrich und Thomas Nagel sind zwei Autoren, die auf den ersten Blick nicht allzu viel gemeinsam haben. Während Henrich in den metaphysischen Gefilden des deutschen Idealismus beheimatet ist und durch seine subtilen Studien zum Selbstbewusstsein bekannt wurde, gehört Nagel zu den prominentesten Vertretern der analytischen Philosophie, die sich vor allem mit den logischen Strukturen des Wissens und den rationalen Grundlagen der menschlichen Vernunft befasst. Zwei zeitgleich erschienene Publikationen belehren uns freilich eines Besseren. Sie machen nicht nur auf frappante Weise deutlich, wie nahe Henrich und Nagel in ihrem Bemühen beieinander liegen, einen unhintergehbaren Ausgangspunkt für sämtliche Lebens- und Weltkonzeptionen zu finden. Sie zeigen auch, wie eng Vernunft und Metaphysik miteinander verwandt sind, wenn sie zu einer umfassenden Erklärungsform ausgebaut werden.

Henrichs Einstiegsluke in die Kellergewölbe des Daseins ist die Anthropologie. Wie schon Plessner und Gehlen stellt er fest, dass der Mensch nicht einfach lebt, sondern sein Leben mit Bewusstsein führt. Dieses Führen ist offen für verschiedenste Möglichkeiten. Wir haben Pläne, Absichten und Ziele, auf die hin wir den Lebensprozess organisieren. Dabei treten Täuschungen und Konflikte auf, die nicht immer aufzulösen sind, zumal die Zeit befristet ist. Endlichkeit und Unverfügbarkeit setzen dem Leben eine Grenze, durch die es "in grundsätzlicher Betrachtung nicht Leistung, sondern Geschick" ist.

Dass die Freiheit des Menschen von Voraussetzungen abhängt, die nicht in seiner Macht liegen, ist die eigentlich metaphysische Einsicht des lebendigen Selbstbewusstseins. Im "Wissen von sich" erschließt die menschliche Subjektivität eine Welt, deren Teil sie ist und der sie zugleich auf "unvordenkliche" Weise vorausliegt. Das Bewusstsein des Selbst ist das Nadelöhr, durch das all unsere Erfahrungen, Erkenntnisse und Erwartungen hindurchgehen. Aber es ist auch ein schwarzer Kasten, aus dem wir nicht heraustreten können, um uns von außen zu betrachten. Wir müssten schon vorher wissen, wer wir sind, sonst würden wir uns nicht wiedererkennen.

Aus dem Dilemma des Selbstbewusstseins, das sich in die Zirkel der eigenen Gewissheit verstrickt, ergibt sich für Henrich die Konsequenz, dass der Grund unseres Selbst- und Weltwissens nur im Medium des "spekulativen Denkens" zu erreichen ist. Die sinnhafte Ordnung der Realität - der Autor nennt sie etwas mystisch "All-Einheit" - ist in einem vorgängigen Bereich des Verstehens verankert, der allererst die Verlässlichkeit unserer sprachlichen und reflexiven Bezugnahmen auf Wirkliches garantiert. Wir sind die Wahrer und Hüter von etwas "Absolutem", das die opake Quelle unserer Identität, der Kommunikation mit anderen, ja sämtlicher realer Begebenheiten bildet. Als deutungsbedürftige Wesen, die in den Kokon ihrer Selbstbeschreibungen verwoben sind, hängen wir am Tropf des "Unbedingten", das unseren Bildern von der Welt "Wahrheit" verleiht.