Abgeblättert die Farben, angemorscht die Dielen

kann sein, einst war hier Lebensfrohsinn - jetzt grassieren Faulsein und Fäulnis. Das Gutshaus ist zur Datscha verfallen, auf der Holzterrasse frösteln ein paar weiße Holzsessel (darin ein paar Menschen), links hinten führt eine Glasveranda mit resedagrünen Streben ins Innere des Hauses: Laufkäfig für die sonderbaren Tierchen in dieser - von Gilles Aillaud entworfenen - Landschaft toter Seelen. Hinge da nicht, die braungrün verwaschene Trostlosigkeit spaltend, ein pastellrotes Tuchsegel vom Bühnenhimmel herab bis über die Planken, gebläht und provozierend weich, man gäbe die Geschichte dieser Menschen vom ersten Moment an verloren.

Dieses Tuch ist der Vorhang eines Sommertheaters, erdacht vom Sohn des Hauses, Kostja. Der will, wenn sonst schon nichts geht, Schriftsteller werden und zwar gleich Avantgardist: Hau weg den Scheiß der Vorväter, mach Poesie, irgendwie! Doch er weiß nicht recht, wie. Immerhin ist schon mal der Vorhang rötlich, der Text mystisch, die Darstellung experimentell (Luc Bondy macht geradezu eine kleine Kagel-Oper draus). Die Sommergesellschaft schaut feixend, spöttelnd, irritiert auf die neue Kunst, mit der es offenbar auch nicht weit her ist. Zumindest wird sie nicht weit führen. Man gähnt, man glotzt und wird nachher zum Trinken oder zum Angeln gehn. Nur eine Person ist während dieser Aufführung ergriffen worden, allerdings nicht von der Kunst, sondern von sich selbst: Nina, die erstmals auf einer Bühne spielen durfte, dabei nichts vom Stück erfasste, aber von der ungewohnten Öffentlichkeit beglückt wurde. Ein Ziel glimmt ihr aus der Trübsal: Ruhm, Glanz, etwas werden, etwas sein.

Etwas sein - wer wollte das nicht? Sie quälen sich doch alle durch die Tage, die Jahre, und jeder quält sich selbst und beschränkt sich ganz auf sich und träumt von Erfüllung, giert nach Anerkennung (wie später bei Horváth und Kroetz) und kriegt den Hintern nicht hoch, weil der Kopf am Ertrinken ist.

Und wer's dennoch geschafft hat, bleibt unbefriedigt.

Überall Leben, nirgends Lebendigkeit

Der Gutsverwalter (Urs Hefti) explodiert in brüllendem Zorn, sobald jemand was von ihm will. Seine Frau (Gertraud Jesserer) umwirbt seit Jahren den Landarzt, den Ignaz Kirchner in zerfließender Resignation darstellt: überall Leben, nirgends Lebendigkeit - der Mann verzweifelt von Hoffnung zu Hoffnung.