Auf dem Parteitag in Münster hat Gabriele Zimmer bereits angedeutet, was man von ihr als PDS-Chefin erwarten kann - und was nicht. Nachdem der Vorstand in der Abstimmung über UN-Kampfeinsätze desaströs unterlegen war, wurde sie vorgeschickt, im Angesicht der Basis nach gutem sozialistischem Brauch öffentlich Selbstkritik zu üben. "Der Vorstand muss und wird die Verantwortung dafür übernehmen, dass es im Vorfeld zu Fehleinschätzungen gekommen ist." Die Delegierten waren entzückt. Aber wird jemand mit solch sprödem Parteijargon breite Wählerschichten ansprechen?

Auf die Frage nach Zimmers Chancen für die Bisky-Nachfolge winkte die PDS-Spitze damals noch ab. Als mögliche Erben des im Oktober abtretenden Parteichefs galten Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch und die Berliner Landesvorsitzende Petra Pau. Doch am Ende waren beide zu schwach, sich den Posten zu sichern - aber stark genug, den jeweils anderen zu verhindern. Am vergangenen Montag hat der PDS-Bundesvorstand nun einstimmig Gabriele ("Gabi") Zimmer nominiert. Zwar schließt die verärgerte Petra Pau eine Kampfkandidatur nicht aus, doch ihre Chancen dürften gering sein.

"Wenn's drauf angekommen ist, war sie immer eine verlässliche Reformerin"

In der Öffentlichkeit ist die 45-jährige Zimmer unbekannt, obwohl sie schon seit 1997 Biskys Stellvertreterin ist und die Thüringer PDS bei der Landtagswahl 1999 zur zweitstärksten Kraft gemacht hat. "Sie sieht wie die Deutschlehrerin vom Gymnasium um die Ecke aus", schrieb einmal das Neue Deutschland. In der Tat fehlen ihr Lothar Biskys feingeistige Aura und Gregor Gysis Charisma. Das versuchen die PDS-Strategen als besondere Qualität zu deuten und preisen sie als "stille, konzentrierte Arbeiterin". Sie soll einen Typ Antipolitikerin verkörpern und es dabei Angela Merkel nachtun. Doch der Erfolg ist fraglich: Wenn die CDU eine dröge erscheinende Ostfrau zur Vorsitzenden wählt, ist das wirklich neu

bei der PDS dagegen ist eine "Zonen-Gabi" keine Überraschung.

Gabriele Zimmer hätte auch ohne den Zusammenbruch der DDR eine hübsche Karriere gemacht. Nach dem Dolmetscherstudium (Russisch und Französisch) war sie ihrem Mann, einem Offizier der Grenztruppen, nach Thüringen gefolgt. Im Suhler Simson-Werk fand sie Arbeit als Sachbearbeiterin, wurde bald Redakteurin der Betriebszeitung und dann Agitatorin bei der Betriebsparteileitung. "Wir waren keine Parteiopposition, das wäre uns zumindest bis zum Sommer 1989 auch nicht in den Sinn gekommen", formulierte sie vor ein paar Jahren im Rückblick. "Wir waren ehrgeizig, hielten uns für intelligent und waren auch teilweise arrogant." In den Wendewirren fand sie sich plötzlich auf einer Rednertribüne wieder - "dabei galt ich immer als ruhig, zurückhaltend, fast schüchtern" -, wurde fortan mit dem identifiziert, was die SED-PDS Erneuerung nannte - und stieg direkt zur Landesvorsitzenden auf.

Zur Vergangenheitsdebatte in ihrer Partei sagt sie: "Da darf es keinen Schlussstrich geben. Wer sich an Macht beteiligen will, der muss aufarbeiten, wie er einst mit Opposition umgegangen ist." PDS-Vordenker André Brie urteilt über sie: "Wenn's drauf angekommen ist, war sie immer eine verlässliche Reformerin." Brie, der stets etwas säuerlich dreinblickt und an seiner Partei häufig fast verzweifelt, ist seit Zimmers Kandidatur richtig fröhlich.