Auf einmal reden alle von Jürgen W. Möllemann. Und von der fulminanten Wiedergeburt der tausendmal totgesagten Liberalen. Gerade noch 330 000 Wähler hatten sich bei der vorigen Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen für die FDP entschieden. Traurige vier Prozent. Jetzt hat Möllemann mit einer so entschlossenen wie professionellen Kampagne, mit lauten Sprüchen und einem guten Schuss Skrupellosigkeit mehr als 720 000 Wähler mobilisiert. Fast jeden Zehnten im Land. Ein starkes Ergebnis, keine Frage, in rastlosem Dauereinsatz mit unernsten Werbemätzchen hart erarbeitet. Doch schon geraten die Strategen in den Konkurrenzparteien ins Grübeln: Könnte es sein, dass der Methode Möllemann die Zukunft auf dem Wählermarkt gehört? Müssen sich zukünftig auch Christ- oder Sozialdemokraten aufführen wie der Fallschirmspringer aus Münster, um den eigenen Abstieg abzuwenden?

Auf den ersten Blick sieht es so aus. Schließlich sind es in überdurchschnittlicher Zahl die Jungen gewesen, die an Möllemanns Gebaren Gefallen fanden. Um satte zehn Prozent legte die FDP bei den 18- bis 24-Jährigen zu, während die grauen Grünen in dieser Altersgruppe sechs Prozentpunkte verloren, die Sozialdemokraten sogar acht.

Dass den individualisierten Jungen der Republik der Sinn vor allem nach Spaß und Erlebnis steht, ist zwar längst kein Geheimnis mehr. Ebenso wenig, dass der Wille zur Jugendlichkeit heute selbst jene beseelt, die nach Jahren längst mitten im Leben stehen. Doch Jürgen Möllemann ist der erste Politiker der Republik, der diesen Umstand konsequent als Handlungsanweisung begreift.

Was ihn vom Rest der politischen Klasse des Landes unterscheidet, ist sein Mut, nicht einmal mehr so zu tun, als bedeute ihm Politik so etwas wie das Bohren dicker Bretter. Es ist nicht zuletzt diese Ehrlichkeit, die seine Wähler honorieren. Genau so sehen sie die Sache schließlich auch.

Für die anderen Parteien mag Möllemann deshalb ein verführerisches Exempel gesetzt haben. Weshalb sie ihm dennoch besser nicht nacheifern sollten, zeigt freilich schon ein schneller Blick auf die politische Landkarte von Nordrhein-Westfalen nach der Wahl. Die nämlich sieht auch jetzt noch ziemlich genau so aus wie seit Jahrzehnten: schwarz an den ländlichen Rändern, mittendrin als dicker roter Fleck das Ruhrgebiet. Gewiss, die alten Hochburgen wurden auch diesmal weiter abgeschliffen. Doch noch immer holt die SPD in Duisburg und Oberhausen 60 Prozent der Stimmen, die CDU hingegen 57 Prozent in Paderborn. Verblüffend beständig sind die überkommenen Loyalitäten der harten Stammwählerkerne beider großen Parteien bis heute - dem Strukturwandel, der Individualisierung und Jürgen Möllemann zum Trotz.

Hier liegt das Dilemma der - noch immer - großen Parteien zwischen neuer Spaßgesellschaft und traditionellen Milieus: So viel Bewegungsfreiheit wie die nahezu stammwählerlose FDP haben sie eben nicht. Zwar schrumpfen ihre Kerntruppen unablässig weiter, die niedrige Wahlbeteiligung in NRW hat das erneut gezeigt. Aber vernachlässigen dürfen die modernisierungswilligen Parteistrategen ihre unmodernen Parteitreuen deshalb noch lange nicht - dafür sind sie noch immer viel zu viele. Was SPD, CDU und seit einiger Zeit auch die Grünen hinbekommen müssen, ist daher viel schwieriger zu organisieren als der flotte Umbau der FDP zur nachbürgerlichen Auto- und Spaßpartei nach dem Bilde Jürgen Möllemanns.

Klar im Vorteil ist dabei die CDU. Noch immer lassen deren loyale Anhänger selbst Skandale und indiskutable Kandidaten wie Jürgen Rüttgers ziemlich klaglos über sich ergehen - allemal klagloser als das verunsicherte Stammpublikum der SPD. Denn dass Lustlosigkeit der Traditionswähler und Desinteresse der mobilen Jungen durchaus zeitgleich zuschlagen können, haben gerade die Sozialdemokraten in NRW aufs Neue zu spüren bekommen. Die Lösung für dieses Problem weiß derzeit wohl niemand. Ganz sicher nicht Jürgen Möllemann.