Als ich als Kind zur Schule ging, gab es eine berühmte Geschichte, die wir lesen mussten. Sie hieß Das Ereignis am Oxbridge-Fluss und handelte von einer Gruppe von Menschen, die am Fuße einer Brücke leben. Eines Tages wird einer von ihnen erschossen. Der Mann wird getroffen und bricht zusammen. Doch im Fallen wacht er plötzlich auf und merkt, dass alles nur ein Traum war. Ich wünsche mir nichts mehr, als dass ich wie der Mann vom Oxbridge-Fluss eines Tages aufwache und feststelle, dass es Aids nie gegeben hat, dass alles nur ein schrecklicher Traum war. Denn Aids ist mein persönlicher Holocaust.

Ich bin in der Hippie-Ära aufgewachsen, ich habe in Kommunen gelebt und freie Schulen besucht, die nach Summerhill-Idealen lehrten. Uns wurde beigebracht, dass Sex eine Form der Befreiung sei. Die nächste Generation wuchs unter dem Fluch von Aids auf, was dazu geführt hat, dass sie Sex mit Tod assoziiert.

Viele junge Menschen erforschen deswegen gar nicht mehr ihre sexuellen Präferenzen. Mein größter Traum ist natürlich, dass Aids bald geheilt werden kann, aber ich träume auch davon, dass die Menschen wieder daran glauben, dass Sex eine Form von Befreiung und Freiheit ist.

Mein Freund David Armstrong zum Beispiel: Als ich 14 Jahre alt war, verhalf ich ihm zu seinem Coming-out. Ich war zuvor mit einer Gruppe Homosexueller um die Welt gereist, und mir war schnell klar, dass David wohl schwul sein muss, wenn er nicht mit mir schlafen würde. Er ahnte es wohl schon selbst, aber noch nie zuvor hatte jemand das Wort schwul zu ihm gesagt. Nach einer gemeinsamen Nacht wurde ihm das alles klar - einen Abend später zogen wir um die Häuser, und er fand seinen ersten Mann. Mit 14 Jahren glaubte ich daran, dass ich in ein Zeitalter hineinwachsen würde, in dem die Menschen erst genau wissen würden, welches Geschlecht ihr Gegenüber hat, wenn der- oder diejenige die Kleider fallen lässt. Ich hoffte auf eine Gesellschaft, in der die Menschen nicht mehr durch ihr Geschlecht determiniert werden. Eine der guten Sachen, die in den letzten 15 Jahren passiert sind, ist, dass Transvestiten und Transsexuelle stärker akzeptiert werden. Nicht alles wird mehr so krass in männliche und weibliche Kategorien unterteilt. Viel mehr Männer treten mit ihrer femininen Seite in Kontakt, und Homosexualität wird zumindest in den großen Städten offen ausgelebt.

Mit David Armstrong habe ich in letzter Zeit auch schon mal darüber gesprochen, Kinder zu kriegen. Ich hätte gerne ein Kind. Das Problem ist aber, dass die meisten Männer, von denen ich gerne ein Kind hätte, HIV-positiv sind. Im Moment gibt es zwar viel Gerede über Methoden, die es möglich machen, das Sperma der Infizierten zu reinigen, aber tatsächlich ist es leider immer noch nicht möglich, zu garantieren, dass ich mich oder das Kind nicht infizieren würde. Aber eines ist klar: Wenn ich einen Jungen hätte, würde ich ihn wie ein Mädchen aufwachsen lassen.

Ich habe einige Freunde, die an Aids gestorben sind, von denen ich jeden Monat, manchmal sogar jede Woche träume. Einer von ihnen ist Kenny, der auf vielen meiner Bilder zu sehen ist. Auf den ersten Bildern ist er noch ein Transvestit, später nicht mehr. Auch von meiner besten Freundin Cookie Mueller, die 1989 an Aids starb, träume ich regelmäßig. In meinen Träumen vermischen sich die Fotos, die ich von ihnen gemacht habe, mit meinen gelebten Erinnerungen. Allerdings bin ich fest davon überzeugt, dass mich diese verstorbenen Freunde in meinen Träumen besuchen. Kenny und ich waren für viele Jahre sehr, sehr gute Freunde, und er hat immer sehr auf mich geachtet.

Es gab einige Menschen, die immer sehr auf mich geachtet haben, die mich beschützt haben. Sie sind alle tot. Bevor Kenny starb, hatten wir einen großen Streit. Dann wurde er krank, und ich wollte mich mit ihm vertragen. Er wollte zwar in Frieden mit mir auseinander gehen, aber er war zu krank, um mir das noch mitteilen zu können. Seit unserem Streit hatten wir nicht mehr miteinander gesprochen, und er starb, ohne dass wir uns ausgesprochen hatten.