MICHAEL BALLHAUS

Ich bemühe mich immer, einen Blickwinkel zu finden, der nicht dem der Augen entspricht

Michael Ballhaus, 64, ist einer der besten Kameramänner der Welt. Acht Jahre lang arbeitete er mit Rainer Werner Fassbinder, ehe er 1982 nach Hollywood ging. Dort drehte er unter anderem Filme mit Martin Scorsese (Good Fellas), Francis Ford Coppola (Bram Stokers Dracula), Robert Redford (Quizshow), Mike Nichols (Die Waffen der Frauen) und Wolfgang Petersen (Airforce One)

Sie sitzen am Strand und sehen eine Menge Menschen mit einer Menge Videokameras. Was geht in Ihrem Kopf vor?

Ob sie sich einen Plot überlegt haben. Das wäre nämlich nützlich. Man will ja die Essenz eines Urlaubs auf diesem Film haben und nicht nur Langeweile. Ich denke mir: Wissen sie, was die schönsten Momente sind? Der Sonnenaufgang morgens oder besser der Sonnenuntergang? Die Familie beim Baden oder die Fische beim Springen? Eine Segeltour zu filmen ist ja immer sehr aufregend und spannend. Wer sich partout vorher nichts überlegen will, hat das Risiko des nervenden Zusammenschnitts. Der riskiert, dass der Videoabend zum Gähnabend wird.

Ein Urlaubsvideo zu drehen ist also ein Full-Time-Job.

Oh ja. Alle Dinge, die aufregend sind, bedeuten größte Mühe. Man muss immer bereit sein, auf den Record-Knopf zu drücken. Man weiß ja nie, was kommt.

Deshalb gibt es von unserer Familie auch sehr wenige Urlaubsfilme, weil ich nach großen Produktionen keine Lust mehr habe, noch Videofilmer zu spielen.

Ich bin auch ganz nachlässig mit Fotos. Keine Familie hat so wenige Urlaubsfotos wie meine.

Und das akzeptiert Ihre Frau?

Es ging eine ganze Zeit lang gut so. Aber seit kurzem ist mir bewusst, wie wunderbar es ist, auch Familie zu dokumentieren. Ich habe jetzt immer eine digitale Sony-Videocam und eine Nikon-Fotokamera dabei.

Ein Markenzeichen von Ihnen sind die besonderen Blickwinkel, die Sie sich suchen.

Ich nehme mir dafür sehr viel Zeit. Das sollte man als Urlaubsfilmer auch tun: Sich Zeit lassen für den besonderen Blick.

Im Wolfgang-Petersen-Film Airforce One beeindrucken Sie das Publikum durch die Darstellung von bedrückender Enge, zeigen gleichzeitig weite Räumlichkeiten, machen rasante Kamerafahrten und kreisende Bewegungen: Was muss man anstellen, um derartige Ästhetiken als Urlaubsfilmer hinzubekommen?

Es gibt sehr viele Möglichkeiten, die Kamera zu bewegen. Man kann sich mit einer Videokamera auf ein Fahrrad oder auf ein Gokart setzen, herumfahren und das aufnehmen. Auch vom Auto aus gibt es schöne Möglichkeiten. Wer besonders pfiffig ist, schleppt seine Familie zu einer Baustelle und zweckentfremdet kurz eine Hebebühne. Worum ich mich immer bemühe, ist, dass ich Blickwinkel finde, die nicht dem der Augen entsprechen.

Wenn man den Kopf schief hält, sieht man ja seine Umgebung auch anders, als wenn man wie ein General mit durchgedrücktem Rücken dasteht.

Genau so meine ich es. Wenn Sie einen guten Film machen wollen, müssen Sie heraus aus der Normalität.

Deshalb sind Sie ja auch mehrfach für den Oscar nominiert worden.

Worauf ich auch sehr stolz bin. Ich möchte etwas zeigen, was man mit seinen Augen normalerweise so nicht sieht. Das kann eine simple Veränderung des Standortes sein. Vielleicht von etwas weiter oben oder von sehr weit unten.

Hilfreich sind weitwinkelige Objektive. Meist sind die Videokameras nicht weitwinkelig genug, also kauft man sich am besten gleich einen Weitwinkelzusatz. Man sieht mehr, es ist schöner, das Bild ist offener. Man sollte versuchen, sich schöne Bilder zu komponieren, den Vordergrund lebendig zu gestalten und sich eine Art Raum zu suchen, der Tiefe gibt. Man sollte niemals versuchen, gegen eine flache Wand zu filmen, sondern in jedem Bild eine Staffelung zu erzeugen. Das sind die ganz simplen Dinge, um die ich mich in jeder Einstellung bemühe.

Was kann man denn tun, wenn die Geschichte lustig werden soll, es aber den ganzen Tag regnet?

Dann drehen Sie im Sinai, da fällt roter Regen. Nein, im Ernst: Regen kann sehr fotogen und schön sein. Stimmungen auf dem Wasser im Regen, Stimmungen am Strand im Regen. Spaziergänge mit dem Regenschirm. Regen kann sehr viel Atmosphäre erzeugen. Und man kann am Videoabend den Satz sagen: Erinnert ihr noch den Tag, an dem es so furchtbar geregnet hat? Viel problematischer ist es, wenn man über eine Urlaubsreise einen Film machen will und es scheint den ganzen Tag die Sonne.

Deshalb fahren viele Menschen in den Urlaub.

In praller Sonne sehen aber die Gesichter nicht sehr vorteilhaft aus. Ich vermeide es, meine Frau oder meine Mutter in praller Sonne zu fotografieren.

Und Schauspieler wollen das erst recht nicht. Deshalb haben wir am Set immer sehr viel Sonnenblenden, damit das Licht diffuser wird, weicher. Als Amateurfilmer kann man einen Sonnenschirm aufspannen. Ein weißes Laken im Urlaub dabeizuhaben ist immer sinnvoll. Es ist weich zum Liegen auf Strandsand und kann sowohl zur Aufhellung als auch zur Filterung von Sonnenlicht benutzt werden. Die wichtigste Frage beim Drehen ist: Was macht ein Bild schöner und attraktiver?

Sie haben einige Filme mit Robert Redford gemacht. Sind Falten eine Herausforderung?

Allerdings. Man kann das Gesicht ja nicht glatt machen. Und trotzdem möchte Herr Redford natürlich so gut aussehen, wie das möglich ist in seinem Alter.

Das ist bei seinem doch sehr charakteristischen Gesicht manchmal nicht so einfach. Zudem hat man ja von einem Künstler auch ein sehr eigenes Bild, sodass man aufpassen muss, ihn so vorteilhaft wie möglich zu fotografieren.

Das heißt mit großen Brennweiten fotografieren, schön flach von vorne beleuchten und Filter benutzen, die das Ganze etwas soften.

Was raten Sie denn einem Amateur, wenn die Großmutter im Urlaub dabei ist, hundert Falten hat und deshalb nicht mehr ganz frisch aussieht?

Er sollte sie so filmen, wie ich Redford filme. In jedem Fall aber Filter benutzen. Die sind nicht nur gut für Gesichter, sondern auch für Landschaft.

Polarisationsfilter machen den Himmel schön dunkel, Diffusionsfilter sind gut für Weichzeichnung, um es romantischer und schöner zu machen. Keine Kamera von mir ist ungefiltert.

Die Großmutter wird es danken.

Ja, die hat es verdient, vorteilhaft behandelt zu werden. Ein gelebtes Gesicht ist nämlich etwas Wunderbares, weil jede Falte auch eine ganz natürliche Geschichte über das Leben erzählt.

In Ihrem letzten Film Wild Wild West mit Will Smith geht es ziemlich zur Sache. Wie bringt man die Familie dazu, Action zu wagen?

Okay, das sind Special Effects, für die Sie einen Stunt Coordinator haben und clevere Computeranimateure. Man kann auch mal die Familie rennen lassen und joggt mit laufender Kamera hinterher. Auch das ist Action. Man kann sich auch ein paar Silvesterraketen aufheben und effektvoll einsetzen. Oder mal aus einem schnell fahrenden Auto Motive drehen.

Können Sie sich an Ihre ersten Filme erinnern?

An meine ersten bewegten Bilder? Natürlich hatte ich eine Super-8-Kamera, mit der ich als Junge aufgenommen habe. Aber das war Landschaftsleben. Das hatte was mit Pferden zu tun und mit dem Hof, der da in der Nähe war. Ich filmte hauptsächlich Tiere.

Haben Sie mal Tiere beim Sex gefilmt?

Ja, natürlich. Für mich als Landbub etwas ganz Natürliches. An den Hof grenzte eine Pferdezucht. Da gab es einen Hengst, und so kamen die Stuten manchmal zum Decken. Und ich kam zum Filmen. Ich war allerdings nicht lange an dieser Art Natur interessiert. Ich bin kein Mensch, der Naturfilm liebt.

Mich interessiert Bewegung, und mich interessiert Leben.

Nun sind ja Amateure meist sehr verklemmt, wenn eine Kamera auf sie gerichtet ist. Wie entspannt man sich?

Wissen Sie, man hält ja die Kameras heutzutage nicht mehr vors Auge. Früher fühlte man sich, als sei eine Waffe auf Sie gerichtet. Heute schaut man in einen Monitor. Daher merken die Leute meist gar nicht, dass sie aufgenommen werden, weil man in den Monitor hineinschaut. Das verändert die Situation grundlegend. Und wenn jemand verklemmt ist, muss man mit ihm reden.

Wie gnadenlos sind Sie als Kameramann?

Ich bin ein Netter. Wenn jemand morgens an den Set kommt und aussieht wie magenkrank, versuche ich alles zu retten und versuche mit allen Möglichkeiten der Kunst, das Gesicht wieder zum Leben zu erwecken. Mit Licht und Filtern und allen anderen Möglichkeiten. Man muss dem Schauspieler das Vertrauen geben, dass man sich sehr bemüht, ihn so ins Bild zu setzen, wie es für ihn richtig ist.

Wann sagt eine Kamera eigentlich mehr als tausend Worte?

Tja, wann schafft sie das? Ich glaube, in dem Moment, wo man es schafft, die Emotionen eines Menschen einzufangen, wo man einen Menschen in sehr freudigen, sehr traurigen oder sehr kritischen Situationen sieht, die etwas über seinen momentanen Seelenzustand aussagen. Dann, glaube ich, kann die Kamera mehr erzählen als Sprache.

In jedem Film gibt es eine Hauptrolle. Sollte man sich als Amateurfilmer aus seiner Familie ein oder zwei Personen herauspicken und sagen: An euch hänge ich den Film auf?

Nein, das ist nicht so wichtig. Man will ja nicht eine Person herausheben und sagen: Du bist die Hauptfigur. Wenn der Mann derjenige ist, der aufnimmt, dann ist natürlich die Frau die direkteste Bezugsperson. Die wird neben dem Hund am meisten im Bild sein.

Der große Vorteil einer Digitalkamera ist ja, dass man sich sofort anschauen kann, was man aufgezeichnet hat. Was raten Sie einem Ehemann, dessen Frau interveniert und sagt: Mein Gott, sehe ich schrecklich aus.

Dann muss er das natürlich noch mal machen.

Und wenn sie es zehnmal sagt?

Irgendwann wird er sie mal erwischen, wenn sie nicht in voller Montur und Maskerade ist und glaubt, sie müsse aussehen wie Sharon Stone. Aber diese Interaktion gehört zu einem Urlaubsfilm, denn das sind die menschlichen Momente.

In Hollywood gibt es die geflügelten Worte vom Low-Budget- und vom Show-Budget-Film. Wie teuer müssen Filme sein, damit sie auch gut werden?

Ich mache nicht so gerne Show-Budget-Filme. Wild Wild West hat im Endeffekt 170 Millionen Dollar gekostet und war dann letzten Endes doch kein Show-Budget, weil er zwar teuer war, aber die Erwartungen des Publikums doch nicht erfüllt hat. Es hatte vielleicht nicht genug Geschichte, nicht genug Seele. Es war ein sehr technischer Film. Ich habe dabei eine Menge gelernt.

Insofern war es dann auch okay.

Ihr nächster Film mit Leonardo DiCaprio wird auch eine Menge Dollars kosten, um die 100 Millionen. Was machen Sie, wenn der wie Wild Wild West wieder ein Flop wird?

Das würde mich nerven. Aber das kann kein Flop werden. Die Geschichte ist so stark und der Regisseur ist so gut, das ist Martin Scorsese, das ist nicht Barry Sonnenfeld. Zwischen den beiden liegen Welten. Scorsese will eine Geschichte erzählen mit aller Kraft, die er als Filmemacher hat. In Gangs of New York befinden sich Situationen, die ich noch nie hatte und die fantastisch sind. Da werden grandiose Bilder erzeugt mit Kerzen und Fackeln, mit Feuern und brennenden Häusern und Schlachten und Mondschein und Wasser.

Keine Erotik?

Können Sie sich einen DiCaprio-Film ohne Erotik vorstellen?

Hm ...

Kein Erfolgsfilm ohne Erotik.

Zu jeder Urlaubsreise gehört ja auch eine erotische Komponente. Eine Urlaubsreise ist Erholung, ist Entspannung, dazu gehört auch Körperlichkeit.

Es ist sehr schwierig, erotische Szenen zu drehen, denn das ist ein heikles Thema. Ich halte nicht so viel davon, wenn sich Leute beim Sex mit der Kamera aufnehmen. Diese Vorgänge erotisch darzustellen, schaffen die wenigsten Profis.

Was sind dabei die wichtigsten Fragen? Wie viel zeigt man, und wie viel zeigt man nicht?

Da ist weniger wohl mehr. Sehr viel mehr. Wenn Paare sich aufnehmen wollen, während sie Sex haben, ist das eine private Entscheidung. Für wen macht man den Film denn? Den kann man sich ja nur selbst anschauen. Den Kindern kann man es nicht zeigen und der Oma auch nicht. Das hat dann viel mit Voyeurismus zu tun. Ich bin zwar als Kameramann ein Voyeur, aber für solche Nummern bin ich kein Experte.

Bitte keine falsche Bescheidenheit. Die Szene auf dem Grabstein zwischen Dracula und seinem schönen weiblichen Opfer ist doch hocherotisch ...

Ich wollte Fantasie erzeugen. Es ist mir bei Ihnen anscheinend gelungen. Ich meine, wenn man das delikat macht, kann man diese Dinge auch aufnehmen, man kann auch die Kamera mal halten, wenn man seiner Frau einen Kuss gibt oder sie umarmt. Man kann sie mal aufnehmen, wenn sie am Strand läuft und gerade nicht allzu viel Kleidung trägt. Letztendlich ist alles eine Frage des Geschmacks.

Woran erkennt man eigentlich einen guten Film?

An seiner Handschrift.

Und wie wäre es, wenn jede Familie eine Videokamera hätte?

Das wäre ganz wunderbar. Filmen ist auch eine Art der Reflexion, in der man verrät, wie man zu sich, seinen Interessen, der Natur und seinen Angehörigen steht. Wobei derjenige, der aufnimmt, natürlich immer zu kurz kommt. Einfach mal ein Stativ aufstellen und aufzeichnen, was die Familie so miteinander treibt. Filmen und Fotografieren ist auch eine Art der Analyse, eine Analyse der Familiensituation, auch eines persönlichen Verhaltens.

Träumen Sie noch von einem Film, den Sie gerne machen würden?

Ich habe eigentlich keine besondere Vorliebe für ein Thema oder eine Geschichte. Es gibt eine Story, an der ich lange mit meiner Frau gearbeitet habe. Es ist die Liebesgeschichte von Lotte Lenya und Kurt Weill. Ein Liebesfilm ist für einen Kameramann wie die Operation für einen Chirurgen: Du musst auf alles gefasst und immer auf der Hut sein.

DIE FRAGEN STELLTE MARC KAYSER