Das muss gerächt werden
Auf dünnem Eis: Chris Menges und Tim Roth haben Filme zum Thema Kindesmissbrauch gedreht
Wäre The Lost Son ein Film mit Kraft, dann hätte er gemacht, dass wir danach aus dem Kino gekrochen kommen - und zwar auf allen vieren. Aber es langte nur, sich zu schütteln. Äh-bäh, Kinderschänder. Genauso, wie man sich vor Giftfässer-Versteckern, bestimmten Typen und der großen, weltweiten Skrupellosigkeit schüttelt, während man im Innersten aber auch weiß, dass wir alle auf dünnem Eis gehen. Nur, mit dem dünnen Eis beschäftigt sich die Kunst eher selten. Viel lieber sagt sie, ran und dran! Los, gezeigt, erklärt und Gutes getan! Und bums, so was kommt von so was, schon ist ein Film wie The Lost Son passiert.
Ein Privatdetektiv mit Zeitung unterm Arm, Zigarette im Gesicht und hochgestelltem Jackenkragen schnüffelt sich durch dreckige Eheangelegenheiten. Das ist alt wie der Wald. Er nennt ein kleines Zuhause mit Aquarium sein Eigen, er hat Geschmack, und wird von großen Geldleuten für einen großen Geldauftrag engagiert. Auf Empfehlung seines alten Kumpels Carlos, der in diese Geldfamilie Spitz eingeheiratet hat, die - das reimt sich auf Spitz - im Ritz logiert. Die Reichen sind in solchen Marlowe-Geschichten immer die heimlich Perversen, sie wirken zerrissen und melden immer einen der Ihren als vermisst, der meist auch noch das schwarze Schaf der Familie ist. Hier handelt es sich um den Sohn. Wo ist er. Finden Sie ihn.
Frauen werden Lombards Weg kreuzen, schöne und tapfere, und später wird er rüberfliegen ins Marlowe-Land und dann über die Grenze nach Mexiko gehen. Um aufzuräumen. Mit den Kinderverkäufern. Mit diesem Ring der Verbrecher und Nutznießer. Das will film noir sein und ist so uninspiriert konventionell, dass es einen schaudert. Der Oberböse wird dann in der finalen Nacht aller Nächte hervorkommen, mit einem Schal vor dem Mund; aber an seinen Wimpern werdet ihr ihn erkennen. Ungelogen.
Chris Menges, der Regisseur, kann sich unter Thriller ein Kreuz in sein Büchlein machen. Das Thema, die in die Sklaverei verschwundenen Kinder, die sexuelle Lust an deren Wehrlosigkeit, hat er letztlich aber selbst ein bisschen benutzt. Selbst wenn er damit wie mit einem rohen Ei umging und sich im großen Ganzen ans Missbrauchs-Bilderverbot hielt. Aber kein Film kommt aus dieser Sache raus, wenn er sich erst reingestürzt hat, und sei es, um die Mechanismen des Geschäftes zu enthüllen. Wie will man auch aus dieser eher actionbetonten Erzählperspektive heraus filmisch übersetzen, was den Kindern geschieht und von wem. Menges versucht es, indem er etwa einen Schrank öffnet, in dem schreckliche Sex-Werkzeuge und Verkleidungen hängen.
Er lässt sogar kurz in ein Video schauen, das einen der Jungen zeigt, wie der sich ausziehen muss. Er zeigt die Polaroids von Knaben, die zu haben sind. Halbakte. Er lässt hören, wie Geschäftsleute sprechen: von Welpen, gelben, weißen, dunklen, trainierten und untrainierten, von Entsorgung verletzter, gestorbener Welpen. Und setzt fröhliche, spielende, gefährdete Kinder dagegen. Er fährt die Sind-so-kleine-Menschen-Tour. Und präsentiert den Detektiv als Ein-Mann-sieht-rot-Rächer. Die Ausrottung des Bösen ist der Gipfel der Hilflosigkeit.
Bezeichnenderweise endet auch der andere Missbrauchsfilm, der jetzt in die Kinos kommt, nämlich The War Zone, mit dem Tod des Täters. Allerdings wird die Hinrichtung durch den Sohn, einen Minderjährigen, ergo Strafunmündigen, vollzogen. Und das auch erst, nachdem der Sohn sich über die Schuld seines Vaters völlig im Klaren ist.
Die Ausrottung des Bösen ist der Gipfel der Hilflosigkeit
- Datum 31.05.2000 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 2000
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