Blank ohne Bank

Die Geldinstitute mögen gewinnbringende Großkunden - der Mittelstand kommt nicht mehr an die nötigen Kredite

Die Firma brauchte Geld, und zwar dringend. Bis zur Serienreife hatten die 60 Mitarbeiter des süddeutschen Unternehmens die neue Maschine entwickelt; jetzt musste Kapital her, um die Produktion anzukurbeln. Kein Problem, signalisierte die Bank: Obwohl der Maschinenbauer die bewilligten 1,5 Millionen Mark voll ausgeschöpft habe, dürfe er den Kredit auch überziehen. Von wegen.

Als einige Zulieferer des Unternehmens kleinere Schecks einlösen wollen, verweigert die Bank die Zahlung. Prompt wollen alle Lieferanten nur noch gegen Vorkasse arbeiten - Geld, das der Maschinenbauer nicht hat. Die Folge: Trotz Aufträgen von über fünf Millionen Mark muss der Betrieb die Produktion der neuen Maschine stoppen. Er geht pleite.

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Ausgerechnet den Kreditinstituten wird offenbar jenes Geschäft lästig, das ihnen den Namen gab: Geld an eigenkapitalschwache Unternehmen zu verleihen. Weil die Großbanken in Zeiten der Globalisierung nur noch die ganz großen Deals interessieren, droht der Mittelstand daheim finanziell trockenzufallen. Zu hoch sind die Kosten für die Bearbeitung des Darlehens, wenn ein Betrieb nur eine kleine Summe benötigt; zu gering erscheint der Gewinn. Drehen die Banken aber tatsächlich immer öfter den Geldhahn zu, wird das gravierende Folgen haben. "Wenn niemand etwas unternimmt, könnte der Mittelstand vor erheblichen Finanzierungsproblemen stehen", warnt Hans W. Reich, Vorstandssprecher der staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Im Klartext heißt das: Auf die Betriebe rollt eine Pleitewelle zu - und die meisten ahnen davon nichts.

Darunter leiden aber würde das ganze Land. Schließlich gilt ja gerade der Mittelstand als Motor der deutschen Wirtschaft: Mehr als 20 Millionen Beschäftigte bohren, feilen oder zeichnen in Unternehmen, deren Umsatz bis zu 100 Millionen Mark betragen kann. Wenn vom Mittelstand die Rede ist, ist die kleine Dreimanntischlerei genauso gemeint wie der große Maschinenbauer mit 450 Beschäftigten, der seine Anlagen nach China exportiert - insgesamt mehr als 3,3 Millionen Firmen. Damit dieser kleinteilige Motor auch rund läuft, braucht es ein Schmiermittel: den Kredit. Ohne Darlehen geht vor allem in den kleineren Unternehmen nichts, dazu ist deren Kapitaldecke einfach zu dünn. Während etwa die kleineren und mittleren Unternehmen in den Vereinigten Staaten auf eine Eigenkapitalquote von 50 Prozent kommen, blieben 1997 fast zwei Drittel der deutschen Mittelständler unter einer Quote von 10 Prozent. Für Investitionen aus eigener Kraft bleibt da kaum Spielraum.

Der Tischler hat der Börse keine Story zu bieten

Zudem sind die Alternativen zum Kredit rar. "Nicht viel mehr als ein Prozent" der 3,3 Millionen Unternehmen könne sich auch selbst am Kapitalmarkt finanzieren, schätzt Friedrich Homann, Abteilungsleiter für Mittelstandspolitik im Bundeswirtschaftsministerium. Der Börsengang einer Tischlerei bleibt eben utopisch. Selbst die größeren der Kleinen, zum Beispiel Bauzulieferer oder Anlagenbauer, dürften wohl kaum jene "Story" liefern, die Börsianer für den Gang aufs Parkett immer fordern. Und wenn die Betriebe nun schwerer an Kredite kommen? "Dann dürfte auch die Zahl der vermeidbaren Insolvenzen steigen", sagt Jan Evers vom Hamburger Institut für Finanzdienstleistungen (IFF).

In der Finanzszene ist ein Streit darüber entbrannt, ob sich Großbanken wie die Deutsche oder die Dresdner klammheimlich aus der Kreditfinanzierung der Unternehmen, dem so genannten Firmenkundengeschäft, zurückziehen oder nicht. Es gibt kaum statistisches Material, doch die wenigen Zahlen sprechen für den Rückzug: Seit Anfang der neunziger Jahre hat sich der Anteil der privaten Geschäftsbanken an den Förderkrediten der KfW halbiert, und bei kleineren Darlehen, sagt KfW-Chef Reich, sei der Rückgang "noch dramatischer". Natürlich hört man es in Frankfurt nicht gern, wenn ausgerechnet der Vorstand einer öffentlichen Förderbank die privaten Institute kritisiert. Der Dachverband der Privaten, der Bundesverband deutscher Banken, wehrt sich heftig gegen die "Kampagne der öffentlich-rechtlichen Banken und Sparkassen".

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