Praktische Buchwissenschaft
die zeit: Sie sind nach acht Semestern Studium an der Uni München einer der ersten vier Buchwissenschaftler Deutschlands mit Universitätsdiplom - was ist das für ein Gefühl?
Ariane Michael: Man kommt sich wie ein Versuchskaninchen vor. Aber das war schon während des Studiums so. Wir merkten immer wieder, dass der Studiengang auf dem Papier entstanden ist und in der Praxis noch viel unklar war. Zum Beispiel, welche BWL-Veranstaltungen wir konkret besuchen sollten. Oder die Prozedur der Prüfungsanmeldung: Keiner wusste, was zu machen ist.
zeit: Behindert das nicht das Studium?
Michael: Einerseits ja, andererseits hatten wir so die Chance, unsere Vorschläge einzubringen, und konnten einige Veränderungen in der Studienordnung erreichen. Zum Beispiel sollte unser Abschluss ursprünglich Diplombuchhändler heißen, aber das klang uns zu unseriös. Und vier von uns 25 machen den Abschluss trotz aller Kinderkrankheiten des Fachs ein Semester früher, als die Regelstudienzeit vorsieht.
zeit: Was genau sind Studieninhalte?
Michael: Neben Betriebswirtschaftslehre hatten wir viele berufspraktische Kurse, deren Dozenten vor allem aus Münchner Verlagen kamen. Da entwickelten wir zum Beispiel eine CD-ROM, lernten, wie man im Verlags- und PR-Bereich textet, oder entwarfen und präsentierten eigene Buchreihen. Außerdem hatten wir noch ein Nebenfach - ich wählte Kommunikationswissenschaften.
zeit: Auch an anderen Hochschulen kann man Buchwissenschaft studieren. Dort schließt man mit dem Magister oder dem Fachhochschuldiplom ab. Was ist das Besondere am Studium in München?
Michael: Voraussetzung für unseren Studiengang ist eine abgeschlossene Lehre im Buchhandel oder einem Verlag. Das ist sehr sinnvoll, weil sich dann nicht jeder einschreibt, der gerne liest und nicht weiß, was er sonst studieren soll. München ist sehr praxisorientiert. An anderen Universitäten liegt der Schwerpunkt mehr auf Geschichte, bei uns hingegen auf Betriebswirtschaft.
zeit: Hat Ihnen das Studium für eine Karriere im Verlag genützt?
Michael: Nicht unbedingt. Ich fange jetzt als Verkaufsassistentin bei Econ-Ullstein-List an, dem Verlag, bei dem ich meine Lehre gemacht habe. Aber ich habe auch nicht studiert, um danach einen Karrieresprung zu machen.
zeit: Was hat Ihnen das Studium dann gebracht?
Michael: Vor allem Einblicke in die Betriebswirtschaft und ins Marketing.
Auch die berufspraktischen Kurse waren wegen der Teamarbeit sehr gut. Das Problem ist, dass das Studium in der Branche nicht bekannt ist. Die meisten, die davon hören, denken, man ist ein bibliophiler Typ und hat sich nur mit Gutenberg beschäftigt. Deshalb gründete unser Jahrgang gleich eine Fachschaft. Wir schrieben Texte für Branchenblätter und hatten einen Stand auf der Buchmesse. In ein paar Jahren, denke ich, wird dieses Fach einen sehr guten Ruf haben.
- Datum 31.05.2000 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 23/2000
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