Schneller als Paul Hindemith hat wohl kein Komponist des vorigen Jahrhunderts geschrieben. Adorno äußerte sogar den "Verdacht des psychisch allzu leichten Produzierens". Das galt dem frühen Hindemith, und der späte scheint noch beschleunigt zu haben. 1951 war er, aus den USA zu Besuch in der Schweiz, schon nach wenigen Wochen fertig mit einer Sinfonie. Die Harmonie der Welt, dicht gearbeitet, programmatisch aufgeladen, war wohl auch eine Stellungnahme gegenüber Schönberg, der in diesem Jahr gestorben war. Dessen Abkehr vom Sog der Tonalität hatte den Kollegen zwar beeindruckt, seine neue Sinfonie vermeidet nachdrücklich die allzu wohlfeilen Wonnen des Dreiklangs.

Doch Hindemiths späte Ästhetik ist keine "fortschrittliche", sie sucht nach Universalgeborgenheit. Quarten und Quinten führen zu den Ursprüngen, und die Satztitel gehen auf ein Mittelalter zurück, das den Weltklang teilte in eine irdische Musica instrumentalis, eine Musica humana von Leib und Seele und die Musica mundana des Kosmos. Diese Vision einer heilen, ganzen Welt mag, wenige Jahre nach einem Zweiten Weltkrieg, naiv anmuten. Vielleicht aber auch weitsichtig trostreich. So klingt es zumindest in der Aufnahme des Leipziger Gewandhausorchesters, das sich bislang wenig mit Hindemith befasste und ihm nun seine Erfahrungen von Bruckner bis Schostakowitsch angedeihen lässt (Decca 458 899-2). Dem mitteilenden, warmen Ton der Leipziger folgt Herbert Blomstedt, indem er alles etwas langsamer dirigiert, als der Komponist empfahl. So fällt der erste Satz bei der Konkurrenz, dem Melbourne Symphony unter Albert, zwar kantiger aus, aber dafür vermitteln die Bläserquartschritte über aufbrausenden Streichern nun die Weite nebliger Saurierwelten.

Man hört es mit wohligem Schauer, denn keiner muss sich fürchten in der neuen alten Welt, die hier errichtet wird. Gewaltig, aber nicht gewalttätig sind die Aufschichtungen, sanft zeigen die Bässe ihre Muskeln, und die Vielstimmigkeit führt nicht ins Drama, sondern in sauber verfugte Architektur, die beim Mitlesen auch grafisch ein Genuss ist. Dunkel glüht dann die Musica humana auf, öffnet sich zu delikat gespielten Kammerszenen und führt mit einem unsagbar schönen, verdämmernden, traurigen Schluss hinüber zur Musik der Sphären. Das Weltall ist eine Passacaglia, kreiselnd, glänzend, reich, und der Weltenschöpfer ist da noch ein guter Uhrmacher, der Juwelen und Zahnrädchen vereint. In diesem Kosmos bleibt auch dem Komponisten jeder Zweifel erspart - kein Wunder, dass er so schnell schrieb. Und so schön.