Hier haben wir alle mal gelebt. Hier sind wir alle mal abgesetzt worden, in diesem Internat mit dem Namen Neuseelen - aus der Kindheit herausgefallen, in die Jugend hineingeworfen, vor uns die große Prüfung Pubertät. Da steht Benjamin wahrhaftig nicht allein, auch wenn er sich gerade seinen Eltern gegenüber so aufführt, beim Abschied als Häufchen Elend auf dem Internatsparkplatz. Dann brausen die Eltern ab, und Benjamin hat einen Film lang zu tun, was ein Sechzehnjähriger zu tun hat: Cliquen bilden, Mädchen anschwärmen, onanieren, trinken, Schule schwänzen, Weltschmerz ein- und ausatmen. Nachdem ein Jahr vergangen ist, in dem sich Neuseelen um seinen Namen ordentlich verdient gemacht hat (natürlich ohne Zutun der Lehrkräfte), ist auch "das erste Mal" bestanden, das Leben sieht auf einmal merkwürdig rosig aus, und der Blick fällt zurück auf eine herzzerreißend erinnerungswürdige Zeit.

Die Jugend muss gar nicht so sehr besonders verlaufen und ist dann doch immer etwas ganz Besonderes, jedenfalls solange man selbst drinsteckt und gewissermaßen nur die gefühlte Temperatur mitkriegt (heiß!), während alle, die von draußen schauen, viel moderater messen. Beim Nacherzählen kommt es natürlich darauf an, nicht die gemessene, sondern die gefühlte Jugend über die Rampe zu bringen, sonst sieht alles leicht ganz läppisch aus und wird vom Publikum nur gleichgültig durchgewinkt: Kenn ich, weiß ich, war ich schon - statt emphatisch begrüßt zu werden: An meine Brust, o Buch, o Film, genau so war es.

Der Regisseur Hans-Christian Schmid weiß das und dickt deshalb von vornherein das Lebertsche Handlungsgerippe etwas an. Er und sein Koautor Michael Gutmann haben zwar die wesentlichen Figuren und Zentralerfahrungen aus dem Buch übernommen, dann aber noch reichlich Episoden mit höherem filmischem Nährwert hinzugeschrieben. Trotzdem sind sie Leberts spirit treu geblieben, demzufolge die Höhen und Tiefen der Cliquenroutine und eine Standardportion Unglücklich-verliebt-Sein schon genug Drama sein können für eine sechzehnjährige Seele. So bleibt der Film, zum Glück, meilenweit entfernt vom derben Kapriolismus solcher Produktionen wie Harte Jungs oder American Pie . Was an Crazy Komödie ist, stammt direkt aus dem Inneren des Jugendirreseins und ist nicht erst nachträglich vom Onkel aus der Gagfabrik hineingedrückt worden.

Wie trifft man die Halbnaivität, und wie entkommt man ihr

Aber irgendwann wird dem Film auch seine Aufrichtigkeit gegen die Vorlage und überhaupt seine umfassende Behutsamkeit zum Problem. Sosehr man sich im Detail darüber freut, dass nichts auf Effekt oder Thrill hin frisiert ist, dass dieser Film ebenso durch Genauigkeit glänzt wie Schmids letzte Werke 23 und Nach Fünf im Urwald, so sehr möchte man doch irgendwann mehr sehen als den üblichen Cocktail aus Pubertätsproblemen. Die einzige echte Besonderheit bleibt schließlich Benjamins Behinderung, die teilweise Lähmung seiner linken Körperhälfte. Aber auch die fällt am Ende kaum ins Gewicht - was wiederum lobenswert, nur eben nicht abendfüllend ist. Benjamin (Robert Stadlober) muss zwar einmal aufgrund der Behinderung seinen Schwarm an den Cliquen-Coolen Janosch (Tom Schilling) abtreten. Im Ganzen wirkt sein Handicap allerdings weniger wie der Angelpunkt seiner Schwermut als vielmehr wie eine sehr ausgeprägte Metapher für alles Ungelenke im Neuseelen-Alter.

Dieser Film ist ein rundum sympathischer Zeitgenosse, völlig ohne Falsch, und während man ihm dafür innerlich noch auf die Schulter klopft, stiehlt man sich insgeheim schon wieder weg von ihm. Ganz so partnerschaftlich und unzauberisch geht es eben doch nicht zu im Kino. Man muss, um beim alten Leid beziehungsweise Lied noch einmal wirklich dabei zu sein, schon etwas heftiger umworben werden, mit mehr Magie, mit mehr Dramaturgie oder Abenteuer. Wie gut das geht, haben im vergangenen Jahr erst Absolute Giganten und Raus aus Amal gezeigt, zwei Filme für den Teenager in uns allen. Crazy funktioniert eher als Zielgruppenkino, als Film für den Teenager im Teenager, aber dafür ist Hans-Christian Schmid eigentlich zu gut. Man merkt, dass der Regisseur nicht nur ein paar Reize ausstreuen will, um ein paar Reaktionen an den Kinokassen auszulösen. Er will die Wirklichkeit treffen. Das soll er unbedingt weiter wollen. Nur muss er das nächste Mal seine Netze wieder etwas entschiedener einholen.