Sieg ohne Tor

Warum versagt die Kunst vor dem Fußball? Einige notwendige Anmerkungen kurz vor dem Anpfiff der Europameisterschaft

Vom Fußball zu reden heißt immer, ein Bekenntnis abzulegen. Nun denn. Wenn ich mich frage, warum ich jetzt, Tage vor dem Anpfiff der Europameisterschaft, bereits den gesamten Vorrundenspielplan auswendig kenne und die Lebensplanung der nächsten Wochen danach ausrichte, weshalb ich der deutschen Mannschaft ein frühes Aus gönne und doch ihre Siege herbeisehne, wieso ich mich in einer entscheidenden Prüfung nicht an das Dingsymbol in Mörikes Novelle Mozart auf der Reise nach Prag erinnern konnte, wohl aber an das Ergebnis des entscheidenden Aufstiegsspiels Wormatia Worms gegen Borussia Mönchengladbach 1965 (1 : 1), wenn ich also herausfinden will, warum ich kostbare Lebenszeit und anderweitig dringender gebrauchte Gehirnmasse dem Fußball opfere, fällt mir Konfetti ein.

Eigentlich hieß er Andreas, aber er war klein und rund, und Kinder können grausam sein. Jeden Nachmittag trafen wir uns auf dem Bolzplatz hinter dem Kindergarten, im Schatten einer Reihe Pappeln schlugen wir unsere frühen Schlachten. Und Konfetti war ihr Feldherr. Im Schwimmbad starrten wir voll Verachtung auf seinen Wanst; auf dem Platz aber waren wir die Dummen. Alles Schwere fiel von ihm ab, seine Finten und Drehungen waren behände, seine Ballbehandlung brillant, er war der Maradona meiner Kindheit. Nach dem Anpfiff kann jeder ein anderer sein - das war die in Konfetti verkörperte Verheißung des Spiels. Mehr als in anderen Sportarten kann hier jeder aus seiner Haut raus. Basketballer müssen groß, Volleyballer sprunggewaltig sein. Beim Fußball spielt unser aller Körpergefängnis eine Nebenrolle. War nicht auch Netzer eine ganz schöne Wanne?

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Wenn Konfetti die größeren, athletischeren, feindlichen Jungs alt aussehen ließ, spürte ich noch etwas vom Geheimnis dieser Sportart. Solange das Spiel dauert, ist man sein eigener Herr, entscheidet ständig, welche Laufbahnen man einschlagen will, buchstäblich und metaphorisch: nach vorne stürmen oder in Deckung bleiben, den Weg über links oder rechts oder durch die Mitte wählen. "Sobald der Ball in der Luft ist, muss man sich entschieden haben", wusste schon Uwe Seeler, und fliegt die Pille nicht ständig? Das Spiel komprimiert das Leben auf 100 mal 70 Meter und 90 Minuten, was gegenüber der ausgedehnten Variante einige Vorteile bietet. Ob man richtig gewählt, die richtige Laufbahn eingeschlagen hat, steht nicht erst nach Jahren, sondern bei Fehlpass oder Ballverlust sofort fest, spätestens aber nach 90 Minuten. Die Quittung für sein Tun bekommt man prompt, und doch bleibt alles angenehm folgenlos, denn beim nächsten Spiel, bei jedem Spiel erhält man eine neue Chance. Selbst wenn in dieser Saison die Meisterschaft verloren geht, in der nächsten beginnen alle wieder bei null, und alles ist möglich. Dieser ewige Potenzialis ist es, der uns an das Spiel schmiedet. Selbst mit dem Trainer Erich Ribbeck kann die deutsche Mannschaft Europameister werden; und Andreas Möller, der Heintje des deutschen Fußballs, kann über den Sommer wenigstens noch zu einer Art Peter Maffay mutieren.

Das gilt auch für den Zuschauer. Auch er kann, will beim Spiel, im Stadion immer ein anderer sein. Wer je einen Vorstandsvorsitzenden rufen hörte: "Gelbe Karte, rote Karte, raus die Sau!", wer je Kaschmirmantelträger mit senfgetränkten Frikadellen werfen sah, versteht die Faszination des Spiels. In der Deckung der Zehntausende einmal seiner Existenz entkommen, regredieren in eine nicht erwachsene Welt: beängstigender Atavismus, höchste Lust.

Wo anders im Leben kann man sich dem so hemmungslos hingeben? Vielleicht in der Literatur. In der Lektüre können wir alles sein, Parzival und Effi Briest, Partylöwe und Herzensbrecherin, und alles folgenlos. Nur Fußballstar kann man lesend nicht sein - weil die Literatur wie alle Kunst vor dem Fußball bislang versagt hat. "Sport ist der Feind des Papiers" lautete schon eine Einsicht aus den dreißiger Jahren. Noch heute sind Sportbücher Kassengift; und jenseits ökonomischer Erwägungen handelt es sich ja tatsächlich um leicht verderbliche Ware. Oder wer erinnert sich schon an einen Fußballroman? Und brüllen Sie jetzt nicht "Nick Hornby! Fever Pitch!" aufs Feld. Das Buch ist in Wahrheit kein Roman und außerdem zu lang.

Warum dieses Scheitern? Auf der Tagung Fußball in Kunst und Kultur der Moderne im Abseits des schwäbischen Klosters Irrsee suchte der Literaturwissenschaftler Mario Leis jüngst nach Antworten. Eine lautet, dass die Komplexität des Spiels schwarz auf weiß nicht abgebildet werden kann, es sei denn in der Wortmontagekunst eines Ror Wolf, der die Welt des Fußballs in ihren eigenen Floskeln zur Kenntlichkeit entstellt. Warum aber gelingt es der Literatur, etwas unzweifelhaft noch Komplizierteres als ein Fußballspiel darzustellen, eine verkorkste Liebe etwa oder die Eingebung, der Mozart die Ouvertüre zu Don Giovanni verdankt? (So viel zu meinen Erinnerungen an Mörike.) Sind es die gerade in Deutschland allgegenwärtigen "humanistischen Altlasten", die Fußball als literarisches Thema diskreditiert haben, wie Leis meint? Die "ideologische Verspannung" insbesondere der deutschen Literatur, die im Fußball immer nur die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln sehen will?

Vielleicht. Vielleicht aber lässt sich dem Spiel auch deshalb so schwer Kunst abringen, weil es selbst Kunst ist, Epos, Drama, Performance. "Die Emotionen bei einem lupenreinen Schuss, einem unsterblichen Kunstwerk, entstanden innerhalb einer einzigen Sekunde, so unwiederholbar wie unauslöschlich, lassen sich weder ersetzen noch wiedergeben", schreibt der brasilianische Schriftsteller João Ubaldo Ribeiro. Jeder Versuch, es dennoch zu tun, gebiert zwangsläufig Epigonales. Konfettis Verwandlung ist wie Kafkas bereits geschrieben.

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