Und was lernen wir daraus?
Welche Strategien gewählt werden müssen, um journalistische Qualität in Deutschland besser zu sichern als bisher
Anything goes if it sells - die These, dass alles schon Qualität ist, was sich verkaufen lässt, hat in der Medienwelt erstaunlich viele Anhänger. Doch sie ist kurzsichtig, weil Medien, die allzu hemmungslos Halbwahrheiten, PR- und Werbebotschaften, Plagiate oder gar Fakes vermarkten, ebendas verspielen, was der Journalismus braucht, wenn er sich nicht selbst überflüssig machen möchte: die Glaubwürdigkeit bei Lesern, Hörern und Zuschauern. Es ist kein Zufall, dass Umfragen zufolge ebendiese Glaubwürdigkeit der Medien seit 20 Jahren dramatisch verfällt.
Wer diesem Vertrauensverlust entgegenwirken möchte, muss über Qualitätskriterien und Qualitätssicherung nachdenken - auch wenn sich auf den ersten Blick Journalismus, wie andere kreative Leistungen auch, jedweder Messbarkeit zu entziehen scheint. Der amerikanische Regionalzeitungs-Chefredakteur Frank Denton mokiert sich nicht ganz zu Unrecht darüber, dass er und seine Kollegen immer noch bloß ein Erfolgsmaß kennen, nämlich "die Zahl der Köpfe, die wir an unsere Wand pinnen können, weil sie aus dem Amt gejagt oder gar ins Gefängnis geworfen wurden". Überspitzt formuliert: In puncto Qualitätsmanagement verharrt der Journalismus noch auf dem Entwicklungsstand von steinzeitlichen Sammler- und Jäger-Kulturen.
Das Kompetenzprofil vieler Redaktionen ließe sich schärfen, wenn freie Mitarbeiter nicht schlechter behandelt (und honoriert!) würden als fest angestellte und Medienunternehmen den Markt für freie Journalisten pflegten, statt nur durch Outsourcing Stellen einzusparen.
Wichtig wäre wohl auch, das redaktionelle Angebot in regelmäßigen Abständen mithilfe von Marktforschung daraufhin zu analysieren, ob es den Publikumsbedürfnissen Rechnung trägt. Gestützt auf solche Daten, lassen sich Schwerpunkte in der Berichterstattung verändern, Fachkompetenzen der Redakteure, Ressortstrukturen und Produktionsroutinen weiterentwickeln.
Bereits zur "hohen Kunst" des redaktionellen Qualitätsmanagements gehört der Umgang mit eigenen alltäglichen Fehlern. Sie werden in Deutschland - sofern sie nicht die Dimensionen von Kujau oder Kummer erreichen - noch immer gern vertuscht. Während amerikanische Zeitungen, angeführt von der New York Times , tagtäglich die Irrtümer des Vortags in correction corners berichtigen, überlassen unsere Qualitätsblätter - einschließlich der ZEIT - hier noch immer der taz und der Bild- Zeitung die Vorreiterrolle.
Diese qualitätssichernden Alltagsroutinen gilt es allerdings in einen größeren Kontext einzubetten. Journalistische Qualitätssicherung hat eben auch eine gesellschaftliche Dimension. Sie kann nur gelingen, wenn es ein Netzwerk von Initiativen und Institutionen gibt, die den Diskurs über journalistische Qualität pflegen: Presseräte, Ombudsleute und andere Instanzen, die den Journalismus und die Medien kritisch begleiten; Aus- und Weiterbildungsinstitutionen, in denen über Professionalität und Berufsethik nachgedacht wird; Forschungsinstitute, die über Einseitigkeiten und Mängel der Berichterstattung aufklären; aber auch Journalistenpreise, mit denen die Messlatte für Qualität möglichst hoch gehängt wird.
Journalisten als avisierte Beute des Rudeljournalismus
- Datum 08.06.2000 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 2000
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