Angeblich sprechen die Hannoveraner das reinste - sprich dialektfreieste - Deutsch und kommen dem Hochdeutschen am nächsten. Stimmt's? Mark Lückermann Darmstadt

Das, was wir heute als Hochdeutsch bezeichnen, ist nämlich eine Kunstsprache, die aus keinem der deutschen Dialekte hervorgegangen ist, erzählt Herbert Blume, Sprachwissenschaftler an der TU Braunschweig. Hochdeutsch ist nichts weiter als der Versuch, das seit dem späten Mittelalter einigermaßen vereinheitlichte geschriebene Deutsch auszusprechen.

Noch bis Ende des 18. Jahrhunderts galt das "Meißnische" als das Nonplusultra der deutschen Hochsprache, was vor allem auf die literarische Blüte Sachsens zurückzuführen ist. Aber irgendwann merkte das Bürgertum in den großen Städten, dass die Sachsen doch ihre phonetischen Schwierigkeiten hatten, vor allem bei der Differenzierung zwischen b und p, g und k, d und t. Der imagemäßige Abstieg des sächsischen Dialekts begann.

Und es stellte sich heraus, dass das Plattdeutsche der Niedersachsen (deren kulturelles Zentrum damals noch Braunschweig war und nicht Hannover) über den besten Vorrat an Lauten verfügte, um das Schriftdeutsch wiederzugeben. In den norddeutschen Städten schaffte es das neue Hochdeutsch schnell, den Dialekt fast völlig zu verdrängen. Um 1790 riet schließlich der Schriftstellers Karl Philipp Moritz den Berliner Damen, denen er das feine Sprechen beibringen sollte, sich die Braunschweiger und Hannoveraner zum Vorbild zu nehmen

So ganz perfekt sind aber auch die Niedersachsen nicht: Wenn sie "Fluch" sagen, kann durchaus der "Pflug" gemeint sein.